2015-12-17

Das (wunderschöne) Ende der Welt - Teil 1: Die Nordinsel Neuseelands

Neuseeland übte schon immer eine enorme Anziehungskraft auf mich aus. Spätestens mit der "Herr der Ringe" Trilogie hatte sich in meinem Kopf eine Vorstellung dieses Landes formiert, welche eigentlich unmöglich der Realität standhalten konnte: tiefgrüne Grasweiden, schneebedeckte Gebirgszüge, vulkanische Kraterlandschaften, abgelegene Strände und pulsierende Städte. Alles komprimiert auf zwei überschaubaren Inseln im Südpazifik. Lediglich die enormen Reisestrapazen, die man für einem Besuch dieser 12 Zeitzonen entfernten Nation auf sich nehmen muss, hatten mich bisher von einem solchen abgehalten. Das sollte sich 2015 ändern: Nach mehrmonatiger Planung starteten ich und mein ehemaliger Tübinger Kommilitone Stephan am Morgen des 5. Dezember auf eine 4-wöchige Reise, die uns von Auckland über Wellington bis nach Queenstown und abschließend zu den Neujahrsfestivitäten nach Sydney führen sollte. Dieser Bericht fasst die Highlights dieser einmaligen Erfahrung zusammen.

24 Stunden bis Auckland 

Skyline von Auckland bei Nacht
Bisher gibt es keinen Direktflug von Europa nach Neuseeland. Daher dürfen sich Reisende zwischen ihren beiden 10-13 stündigen Flügen auf dem Weg nach Neuseeland noch kurz in Singapur, Dubai oder einer anderen asiatischen Metropole (bzw. auf deren Airports) die Beine vertreten. Und glaubt mir, das ist auch dringend nötig, zumindest für Passagiere der Holzklasse;) In jedem Fall würde ich empfehlen, bei der Wahl des Fluges nicht primär nach dem Preis sondern vielmehr nach einer kurzen Verbindung Ausschau zu halten, sonst wird aus einem ohnehin schon anstrengenden Langstreckenflug schnell eine sehr langwierige Angelegenheit mit mehr als 40 Stunden bis zum eigentlichen Ziel...

Auckland Harbour
Aber kommen wir zu unserem ersten Ziel auf dieser Reise, Auckland! Die mit 1,4m Einwohnern größte Stadt des Landes gehört aus gutem Grund zu den lebenswertesten Städten der Welt. Sie ist auch als "Stadt der Segel" bekannt, da sich in ihrem Hafen mehr Segelboote pro Einwohner befinden als anderswo auf der Welt. Aber auch sonst kann sich die Metropole sehen lassen! Das Zentrum rings um die geschäftige Einkaufsstraße Queen St. ist fußläufig zu erkunden und von unzähligen, attraktiven Geschäften und Bars geprägt. Mit minimalem Jetlag begaben wir uns in Richtung Hafen, wo wir uns dem Bann des "Pride & Joy" nicht entziehen konnten. Dieses Café warb (womöglich zurecht) mit der besten Eiscreme der Welt - zumindest wenn man "Tony's friend Guy" Glauben schenken mag:) Frisch gestärkt drehten wir eine große Runde um den Hafen, schossen am Viaduct Basin ein paar Fotos von der Skyline mit ihrem beeindruckenden Skytower, und genossen bei herrlichem Sonnenschein ein kühles einheimisches Bier in dem von industriellem Charme geprägten Wynyard Quarter. Hier zogen sowohl Stephan als auch ich uns auch gleich einen ziemlich penetranten Sonnenbrand zu. Aber das war es wert! 

Den restlichen Tag verbrachten wir in dem per Fähre gut zu erreichenden Devonport auf der anderen Seite des Hafens. Von der Spitze des Victoria Hill bietet sich dem geneigten Besucher ein exzellenter Ausblick auf die Skyline. Überdies sollte man hier einen Stopp im Manuka Café einlegen, um sich einen "Flat White" Kaffee zu gönnen. Ihr werdet es nicht bereuen:)

Traditioneller Haka im War Memorial Museum
Und was sollte man noch in Auckland sehen? Wir entschieden uns für einen Besuch in der Art Gallery, in der wir nicht nur unsere Wissenslücken über den wohl bekanntesten neuseeländischen Maler Charles Goldie schließen konnten, sondern auch den interessanten Anekdoten eines sehr unterhaltsamen Tour-Guides über die Anti-Atom-Bewegung und die Ursprünge der Maori lauschen durften. Apropos Maori, wer die Lebensweise und Kunst dieses indigenen Volkes und seiner polynesischen Vorfahren interessiert, sollte einen Blick in das Auckland War Memorial Museum werfen. Hier findet in regelmäßigen Abständen eine kurzweilige Maori-Performance mit traditionellen Gesängen und Tänzen statt, unter anderem dem Haka. 

Mittelerde lässt grüßen 

Farm in der Nähe von Thames
Nach einem abschließenden Tapas-Abend in der Mezze-Bar verließen wir Auckland mit unserem Mietwagen in Richtung Süden. Die anfänglichen Orientierungsprobleme aufgrund des Linksverkehrs waren schnell überwunden; lediglich beim Abbiegevorgang kam es hin und wieder noch vor, dass anstelle des Blinkers unverhofft der Scheibenwischer seinen Dienst aufnahm;) Das sollte uns jedoch nicht daran hindern, unsere Erkundungstour der Nordinsel zu beginnen! Wir fuhren zunächst entlang der Küste, immer mit Blick auf die Bergketten der Coromandel Halbinsel auf der anderen Seite der Bucht. Mit zunehmender Strecke offenbarte sich vor unseren Augen eine aberwitzig schöne Szenerie aus sattgrünen Hügeln mit vereinzelten, massiven Bäumen und an den Hängen grasenden Schafen. 
Hobbiton Movie-Set in Matamata
Diese traumhafte Landschaft diente Peter Jackson als Kulisse für seine epochale Herr der Ringe Trilogie, genauer gesagt für das Shire/Auenland. Da konnten wir es uns natürlich nicht nehmen lassen, das noch heute bestehende Filmset von "Hobbiton" in Matamata zu besichtigen! Während einer zweistündigen Tour lassen sich hier die liebevoll in die Hügellandschaft integrierten Hobbithöhlen und die dazugehörigen Gärten bewundern. Die Ticketpreise sind gesalzen, doch zumindest Fans der Filmreihe werden den Besuch nicht bereuen. Neben interessanten Anekdoten zum Film (z.B. dass der Baum über Bilbos Behausung 100% Fake ist und aus ca. 300000 aus Taiwan importierten Plastikblättern besteht) gibt es am Ende der Tour auch noch ein Kaltgetränk im Lokal Green Dragon serviert.

"Original" Hobbithöhle
Ein Motel in der Universitätsstadt Hamilton diente uns an diesem Abend als Unterkunft.  Leider ist die Stadt als solche touristisch eher uninteressant. Einziges Highlight hier blieb daher das Ausschwimmen in unserem leicht unterdimensionierten Pool...

Die Glühwürmchen von Waitomo

Der nächste Tag führte uns zu den landesweit bekannten Grotten von Waitomo, keine Stunde westlich von Hamilton. Hier hatten wir Tickets für eine dreistündige "Black Labyrinth" Tour gebucht: Nachdem man uns in ziemlich kalte Neoprenanzüge gequetscht hatte, fuhren uns unsere Guides Beth und Kate zum "Aufwärmen" an einen kleinen Bach, in den sich jeder in der Gruppe mit luftgefülltem Reifen unter dem Hintern rücklings hineinfallen lassen sollte. Aus irgendeinem Grund wurde ich als Versuchskaninchen ausgewählt. Somit durfte ich als erster erfahren, was uns an diesem Morgen erwartete: eiskaltes Wasser! Anschließend stiegen wir gemeinsam hinab ins Ungewisse...

Ausstieg aus der Ruakuri Cave
Die Tour startete relativ simpel: Mit geducktem Kopf folgten wir einem kleinen Wasserlauf, der sich seinen Weg durch das Gestein gebahnt hatte. Unsere Stirnlampen erhellten die unmittelbar vor uns von der Höhlendecke hängenden Stalaktiten, ansonsten blieb es ringsherum dunkel. In der Zwischenzeit hatte der Wasserstand Brusthöhe erreicht und wir mussten uns - jeder auf seinem Reifen sitzend - rückwärts an der wenige Zentimeter entfernten Decke entlang hangeln. Als schließlich alle wieder festen Boden unter den Füßen hatten und die Stirnlampen ausgemacht waren, kamen über unseren Köpfen Tausende Glühwürmchen zum Vorschein - ein Anblick ähnlich dem nächtlichen Sternenhimmel! Gleich im Anschluss sprangen wir - wie zu Beginn geübt - rücklings in eine tiefschwarze, mit Wasser gefüllte Höhle. Insgesamt war die Tour ein echtes Highlight unserer Reise; leider durften wir selbst keine Bilder machen - wäre aber vermutlich auch nichts brauchbares bei rausgekommen...

Rotorua & Wai-o-Tapu

Der Geruch fauler Eier kann einem sicherlich überall begegnen. Rings um Rotorua nimmt dieses Phänomen jedoch besondere Auswüchse an, denn hier ist die geothermale Aktivität besonders stark. Es gibt diverse heiße Quellen und brodelnde Schlammtöpfe; und überall steigen Schwefelschwaden in den Himmel.

Jubilee Track in Rotorua
Wir folgten der Empfehlung der Hotelrezeption (der hervorragenden Accolade Lodge!) und aßen im Fat Dog Café & Bar zu Abend, bevor wir uns schließlich im Brew Craft Beer Pub zum Genuss verschiedener Bierspezialitäten niederließen. Solltet ihr je in Rotorua bzw. dieser Lokalität Halt machen, probiert unbedingt das vier Sorten umfassende "Tasting Rack" :)
Rotorua bietet eine Bandbreite verschiedener Aktivitäten: Wir entschieden uns für einen kurzen Morgenspaziergang, der uns durch einen atemberaubenden Urwald bis auf die Spitze des Mt. Ngongotaha führte. Anschließend stürzten wir uns auf der gegenüberliegenden Seite des Berges in kleinen, von der Schwerkraft betriebenen "Go-Carts" die Sommerrodelbahn herunter.

Bei herrlichem Sonnenschein zog es uns schließlich in das "thermische Wunderland" von Wai-o-Tapu, wo sich farbenfrohe, brodelnde Seen, Krater, Geysire und Terrassen aus Mineralien aneinander reihen. Insbesondere der riesige, ocker-farbene "Champagner Pool" ist eine Augenweide! Aber seht selbst:

Champagner Pool in Wai-o-Tapu

Zurück in Rotorua ließen wir den Abend entspannt in den heißen Pools des Polynesian Spa ausklingen. Auch das kann ich nur empfehlen, vorausgesetzt es befinden sich keine chinesischen Tourgruppen vor Ort, die sich durchgängig in maximaler Lautstärke unterhalten. 

Sledging im Kaituna
Nach dem Check-out am nächsten Morgen wurden wir von einem kleinen, etwas in die Jahre gekommenen Bus abgeholt, der uns zur Basisstation von Kaitiaki Adventures östlich des Lake Rotorua chauffierte. Hier erwartete uns ein Spektakel der besonderen Art: Sledging! Mit Neoprenanzügen, Helmen und Schwimmflossen ausgestattet fuhren wir zum Fluss Kaituna, wo wir nach einigen Instruktionen und Trockenübungen eine Art Schlitten aus Plastik in die Hand bekamen. Mit diesem stürzten wir uns - immer begleitet von einem unserer vier Guides - ins kühle Nass. Die Steuerungsmechanismen waren schnell erlernt, sodass das Hinuntergleiten von Stromschnellen und Reiten von Wellen einfach nur mega viel Spaß machten! Dazu schlängelt sich der Kaituna durch ein wunderschönes Fleckchen Erde, das Ganze ist also auch optisch ein Augenschmaus. Eins mit Sternchen! 

Im Hexenkessel von Taupo

Gut gelaunt (und etwas ausgelaugt) setzten wir unsere Reise nach Süden fort, genauer gesagt an den Lake Taupo. Der See ist mit fast 200km Umfang übrigens nicht nur der größte Neuseelands, es handelt sich tatsächlich um einen Vulkankrater, der bei einer riesigen Eruption vor etwa 26000 Jahren entstand! Etwas beängstigend...Nun ja, die Stadt Taupo ist trotzdem ein recht lebhafter Ort, was vermutlich an den vielen Backpackern liegt. Insbesondere deutsche Work & Traveller scheinen sich hier wohlzufühlen. In unserer Unterkunft, der Haka Lodge, kamen wir gleich mit vier davon ins Gespräch: Gemeinsam mit Deria, Sophia, Fred und Jerrick verbrachten wir den Abend bei gepflegter Live-Musik in Finn MacCuhal's Irish Pub. Das war zwar ein Riesenspaß, trotzdem glaube ich, dass Stephan den Abend rückwirkend ein wenig bereut hat. Er hatte nämlich für den nächsten Tag einen Fallschirmsprung geplant...

Stephan und sein Tandem-Partner
Hierfür wurden wir standesgemäß von einer gelben Stretchlimo abgeholt, die Stephan zum Absprungort bringen sollte. Deria und Sophia begleiteten uns zur moralischen Unterstützung. Der Sprung aus 12000 Fuß Höhe war zumindest vom Boden aus nicht zu sehen, aber Stephan scheint seinen Spaß gehabt zu haben:) Um diesen Erfolg auch gebührend zu feiern, organisierten wir ein leckeres Barbecue und gönnten uns abschließend noch ein ausgiebiges Bad im Hot Pool. Sehr entspannt!

Alpine Crossing im Tongariro National Park

Der Aufstieg
Der absolute Höhepunkt unserer Tour über die Nordinsel folgte jedoch erst am nächsten Tag: Um 5 Uhr klingelte der Wecker, 30 Minuten später standen wir abholbereit am Straßenrand. Ein Bus transportierte uns und mehrere Dutzend andere Wanderer nach Mangatepopo, von wo aus wir bei kühlen Temperaturen und tief hängenden Wolken die 19,4 Kilometer lange Tour durch die unwirkliche Vulkanlandschaft des Tongariro National Park begannen.
Die Route entlang der drei Vulkane Ngauruhoe, Tongariro und Ruapehu gilt als anspruchsvoll, gleichzeitig wird sie von vielen als schönste 1-Tagestour Neuseelands bzw. als eine der besten weltweit bezeichnet. All das kann ich nur bestätigen! Filmfans werden in Mt. Ngauruhoe, dessen perfekter roter Kegel sich im Zentrum des Parks erhebt, sicher als "Schicksalsberg" aus den Herr der Ringe Filmen wieder erkennen. Und auch wenn der Berg aktuell kein Feuer speit, so nötigt einem die schroffe, von Lavafeldern geprägte Landschaft doch großen Respekt ab.

Blick auf den Ngauruhoe (Schicksalsberg)
Der erste steile Aufstieg (genannt "Devil's Staircase") ging zumindest mir ordentlich in die Beine. Stephan hatte jedoch noch nicht genug und entschied sich für die Besteigung des Ngauruhoe, die zusätzliche drei Stunden dauern sollte und wohl auch nicht ganz ungefährlich ist. Ich nahm also den zweiten Anstieg zum Red Crater allein in Angriff: Der Wind hatte deutlich aufgefrischt und die Temperatur lag zwischenzeitlich im  Minusbereich, zumindest hatten sich an den wenigen Gräsern Eiskristalle gebildet. Gute Ausrüstung, insbesondere gute Schuhe, sind hier ein Muss! Erst auf der anderen Seite des Bergkamms wurde es wieder angenehmer: Der dichte Nebel verzog sich und machte den Blick frei auf die türkisfarbenen Emerald Lakes. Ein traumhafter Anblick, der für alle Strapazen entschädigt!

Emerald Lakes im zentralen Krater
Die verbleibenden 10km der Strecke sind dann nicht mehr besonders anstrengend, sodass ich mir viel Zeit zum Fotografieren ließ, eine großzügige Mittagspause einlegte und problemlos den ersten Bus zurück nach Taupo erwischte. Stephan kam etwa 2 Stunden später zurück - deutlich gezeichnet von der Torturen des Schicksalsbergs. Ich glaube wir beide werden noch lange von dieser großartigen Erfahrung erzählen...

Blick auf den Nationalpark auf dem Weg nach unten

Wellington: Abschied von der Nordinsel

Einkaufsstr. in Whanganui
Noch am gleichen Abend fuhren wir weiter nach Whanganui an der Südwestküste. Die wenigen Tankstellen in der Gegend hatten ob der späten Stunde bereits geschlossen, sodass wir gezwungen waren, auf einen größeren Highway auszuweichen. Schlussendlich erreichten wir dann aber doch noch unsere Unterkunft, von wo aus wir am nächsten Morgen zu unserer letzten Station auf der Nordinsel aufbrachen: Wellington. 

Strand am Rande von Wellington
Das Städtchen Paekakariki 30 Autominuten vor Neuseelands Hauptstadt diente uns als Raststätte, doch der ursprünglich anvisierte Strand lud nicht unbedingt zum Verweilen ein. Daher entschieden wir uns nach dem Lunch für die Weiterfahrt und für eine 30km  lange Rundtour entlang der Küstenstraße südlich von Wellington. In einer geschützten Bucht fand sich hier tatsächlich ein kleiner Strand, wo wir uns ein wenig von unserer Wanderung erholen konnten.

In Wellington selbst besichtigten wir dank Dauerregen eigentlich nur das nationale Museum Te Papa Tongarewa, wo es Ausstellungen über den neuseeländischen Einsatz im ersten Weltkrieg, die Besiedlung des Landes durch Maori und die Europäer, sowie zu den Themen Natur und Vulkanismus zu sehen gab. Sehr interessant und für alle Altersgruppen geeignet!

Fährüberfahrt von Wellington nach Picton
Den Abschluss dieses ersten Abschnitts unserer Reise bildete der Besuch eines Pubs in der Nähe unserer Unterkunft. Hier luden uns vier einheimische Ladies mittleren Alters an ihren Tisch. Neben gutem IPA Bier erhielten wir so auch noch einige wertvolle Tipps für die Südinsel. Ein unglaublich sympathisches Volk, diese Kiwis:)

Heute setzen wir mit der Autofähre auf die Südinsel über, genauer gesagt nach Picton. Also, es bleibt spannend! Euch wünsche ich eine frohe Weihnachtszeit und einen guten Rutsch!!

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