2010-10-21

Chinas Süden - Urlaub zwischen Reisfeldern und Szenebars

Beijing, 02. Oktober 2010. Mit leichtem Gepäck, etwas verschlafener Miene und drei guten Freunden im Schlepptau finde ich mich früh morgens um 7 am Pekinger Westbahnhof wieder. Es herrscht ein dichtes Gedränge - um uns herum warten gefühlte 50000 Chinesen auf die Abfahrt ihres Zuges. Trotzdem ist die Stimmung gut! Unser englischer Mitreisender Alex hat sich für die auf 24 Stunden angelegte Fahrt vorsorglich mit unzähligen Packungen Fertignudeln sowie mit ausreichend Literatur eingedeckt. Mit von der Partie sind zudem die Australierin Tani, die sich im weiteren Verlauf der Reise als findige Kartenspielerin entpuppen wird, sowie Henry aus Deutschland, dem die in den Gängen hockenden Massen und die bereits zu Beginn der Fahrt etwas auf die Nerven fallenden Rufe des sich durch selbige schlängelnden Obstverkäufers als einzigem nichts auszumachen scheinen... 


Tani und ich auf der 30h Zugreise nach Südchina
Unsere Reise in die südchinesische Provinz Guangxi, genauer gesagt in das kleine Städtchen Yangshuo, hatte also begonnen. Dass bis zur Ankunft in unserem Hotel nicht 24, sondern insgesamt ganze 30 Stunden vergehen sollten, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. So manch einer wird sich jetzt wohl verwundert fragen, wie man sich solche Strapazen freiwillig antun kann. Schließlich lassen sich derart weite Strecken seit der Erfindung des Flugzeugs weitaus angenehmer und vor allem schneller überwinden. Nun, die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: Beijing ist eine für chinesische Verhältnisse ausgesprochen reiche und westlich geprägte Stadt, ebenso verhält es sich mit Touristenorten wie Yangshuo. Möchte man darüber hinaus auch das andere, das "wahre" China kennenlernen, in dem ein Großteil der Menschen nach wie vor in der Landwirtschaft oder als Wanderarbeiter seinen Lebensunterhalt verdient, sollte man zumindest ein Mal eine solche Reise unternommen haben. Und ich muss sagen, da ist wirklich etwas Wahres dran!
Meine Reisebegleiter: Henry, Alex & Tani

Wir verließen den Zug in Guilin, einer Stadt mit über 700.000 Einwohnern im Herzen Guanxis. Das strahlende Wetter und das angenehme, subtropische Klima ließen unsere Herzen höher schlagen. Die Frage, wie wir weiter zu unserem eigentlichen Bestimmungsort Yangshuo gelangen würden, erübrigte sich schnell: "To Yangshuo!?", hallte es uns lautstark aus verschiedenen Mündern entgegen. Ehe wir uns versahen, saßen wir in einem Reisebus...Mit der Hand auf der Hupe und mit beiden Füßen auf dem Gaspedal heizte unser Fahrer über den zweieinhalb-spurigen Highway, wobei er weder auf den Mittelstreifen noch auf entgegenkommende LKWS Rücksicht nahm. Mitfahrer, die sich davon nicht weiter verunsichern ließen, konnten die links und rechts an uns vorbei fliegende Landschaft auf sich wirken lassen. In der Ferne sahen wir die für unseren Zielort Yangshuo so charakteristischen Bergspitzen aus Kalkstein in den Himmel ragen, eine knappe Stunde später befanden wir uns mittendrin!


Yangshuo bei Nacht
Die Straßen von Yangshuo waren mit bunten Girlanden überspannt, an den Bäumen hingen rote Lampions und an jeder Ecke wurden uns Postkarten, Uhren mit dem Konterfei des großen Vorsitzenden Mao sowie andere Souvenirs angeboten. Ich sage nur, willkommen im Sozialismus chinesischer Prägung! Nach einer kleinen Stärkung mit Suppe und zerkleinertem Huhn (letzteres serviert inklusive Kopf und Krallen) machte sich unsere Gruppe auf die Suche nach dem Hotel. Fündig wurden wir in einer belebten Straße mit vielen zum Teil westlichen Bars und Cafés. Die letzten Stunden des Tages vergingen dann wie im Flug: Nach einem kurzen Rundgang durch die Stadt erreichten wir den Fluss Li. An dessen Uferpromenade reihten sich die hell erleuchteten Stände der Straßenhändler wie an einer Perlenkette auf. Egal ob Schmuck, Seidenaccessoires, riesige Fächer, traditionelle Medizin, chinesische Instrumente oder einfach nur einen Sonnenhut, hier ließ sich wirklich alles käuflich erwerben. Doch Vorsicht, in China sollte man unter keinen Umständen den zuerst vom Verkäufer genannten Preis für ein solches Andenken bezahlen oder auch nur eine Minute darüber nachdenken! Die Kunst des Feilschens ist Teil des chinesischen Alltags, und das sollten sich besonders Ausländer zu Herzen nehmen. Verlangt der Händler etwa 100 Yuan für ein T-Shirt, kann man sich sicher sein, dass das Hemd max. 20 wert ist. Am Ende bleibt es dem Geschick und der Geduld des Käufers überlassen, welchen Preis er letztlich bezahlt. Ich muss zugeben, letztere Eigenschaft gehört nicht zu meinen Stärken, deshalb zahle ich trotz zähen Verhandelns und mehr oder minder ausgeprägter Chinesischkenntnisse wohl meist zu viel. Aber ich bin schließlich noch ein Weilchen hier, vielleicht lerne ich das ja noch...


Blick vom "Monkey Jane's"
Zurück zu unserem Ausflug. Wir ließen unseren ersten Abend in Yangshuo in einer Bar über den Dächern der Stadt ausklingen. Ringsherum erstrahlten die von massiven Scheinwerfern beleuchteten Berge; die Szenerie hatte etwas Magisches an sich. Doch Monkey Jane's Rooftop Bar, so der Name der Lokalität, hatte mehr zu bieten als nur einen guten Ausblick. Als Spezialität des Hauses kann man zweifelsohne den in zwei separaten Gläsern servierten Cocktail bezeichnen - ein Glas reiner Alkohol, ein Glas Orangensaft. Um späteren Fragen vorzubeugen: Nein, das ist in China sonst nicht üblich! Später am Abend bekamen wir noch Gesellschaft von meinem guten Freund Stephan aus Tübingen, der sein Auslandssemester in Shanghai verbringt und sich ebenfalls für Yangshuo als Urlaubsdomizil entschieden hatte. Es sollte ein amüsanter Abend werden, an dessen Ende wir alle ziemlich erschöpft in unsere Kojen fielen. Was der nächste Tag wohl bringen würde...


Traditioneller Fischer
Der Lärm von Trommeln und ohrenbetäubend lauten Feuerwerkskörpern riss mich gegen halb sieben Uhr morgens aus meinen Träumen. Ich stand senkrecht in meinem Bett, es klang als käme der Krach mitten aus der Hotellobby (wenn man den kleinen Eingangsbereich unserer Absteige als solche bezeichnen kann). Mit viel Überwindung zog ich mich an und ging nach draußen. Zu meiner Überraschung fand genau das Gegenteil von dem, was ich zunächst erwartet hatte: Auf einer Kreuzung nahe dem Hotel fand eine Trauerzeremonie für einen Verstorbenen statt. Dabei tanzten zwei Drachen zu rhythmischen Klängen mehrerer Trommeln und dem Krachen der Böller um den aufgebahrten Sarg. Was für ein Spektakel zu einem doch so traurigen Anlass!

Nach einem ausgedehnten Frühstück entschied sich unsere Gruppe, den ersten Tagesausflug in Angriff zu nehmen. Mit einem Kleinbus ließen wir uns über immer schmaler werdende, holprige Straßen in das bisher von Touristen weitgehend verschont gebliebene Hinterland fahren. Ziel der Reise war ein etwas abgelegener Teil des Flusses Li, wo vier Kajaks auf uns warteten! Es war herrlich, die Sonne strahlte mit uns um die Wette, das Wasser war warm und glasklar und die Stimmung hätte nicht besser sein können. Wir paddelten flussabwärts, mitten durch eine der atemberaubendsten Landschaften, die ich je gesehen habe. So weit das Auge reichte türmten sich die bereits eingangs beschriebenen Kalksteinhügel auf, das Ufer des Li war gesäumt von palmenähnlichen Bäumen und saftig grünen Wiesen. Hin und wieder passierten wir Bauern mit ihren Wasserbüffeln oder im Wasser treibende Käfige, in denen einerseits Fische, anderseits Hühner gehalten wurden. Das scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen, doch es macht durchaus Sinn: Die Hühner werden gefüttert, ihre Ausscheidungen dienen wiederum als Nahrung für die unten schwimmenden Fische. Das nennt man wohl zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Nach etwa zwei Stunden legten wir einen Zwischenstopp in einem am Ufer befindlichen Restaurant ein, um im Anschluss noch für zwei weitere Stunden flussabwärts zu paddeln, wo schließlich ein öffentlicher Bus zurück nach Yangshuo auf uns wartete.


Der Fluss Yu Long
Der leichte Sonnenbrand und die zum Teil schweren Arme einiger Teilnehmer hielten uns nicht davon ab, nach unserer Rückkehr noch ein zweites Abenteuer zu wagen: Mit dem Fahrrad und in Begleitung einer kleinen Chinesin, die uns die Richtung vorgab, fuhren wir etwa eine dreiviertel Stunde auf einer sich durch die Landschaft schlängelnden Straße. Bei Einsetzen der Dämmerung erreichten wir eine Brücke, von der aus ich das rechts zu sehende Foto schießen konnte! Doch der Fluss Yu Long war nicht der Grund für die sportliche Betätigung an diesem Abend. Stattdessen fuhren wir zu einer abgelegenen Höhle, in der man uns ein Schlammbad und heiße Quellen zum Entspannen versprochen hatte (ja, ihr lest richtig). Die "Buddha Water Cave" ist eine sich mehrere Kilometer durch die Kalksteinberge schlängelnde Höhle, die man ausschließlich per Boot betreten kann. Im Inneren können riesige Stalagmiten und Stalagtiten bewundert werden, darunter einige Exemplare, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Buddha-Statuen oder Löwenköpfen aufweisen. Alles schön und gut dachten wir uns, nach 25 Minuten Fußmarsch wollten wir dann aber doch irgendwann das verheißungsvolle Schlammbad in Augenschein nehmen. Es stellte sich heraus, dass wir diese Attraktion bereits lange hinter uns gelassen hatten und wir die gesamte Strecke mehr oder minder umsonst gegangen waren (okay, ich fand die Höhle selbst auch sehr beeindruckend!). Das Schlammbad, dem reinigende Wirkung zugesprochen wird (wie widersinnig), sowie die heißen Quellen waren den Aufwand letztlich dann aber doch wert! Wir ließen ein paar witzige Fotos von uns in der braunen Pfütze machen (liegen leider nicht digital vor) und entspannten uns anschließend in den vom Wasser geformten "Badewannen" der heißen Quellen. Was für ein Tag.

Am nächsten Tag trennte sich unsere Gruppe. Während die anderen darauf bestanden, Felsklettern zu gehen, wollte ich den sonnigen Tag für eine Wanderung entlang des Li nutzen und auf die Jagd nach guten Fotomotiven gehen. Leider versäumte ich es, einen Sonnenhut mitzunehmen, sodass ich nach meiner Rückkehr die Folgen eines minderschweren Sonnenstichs zu tragen hatte. Nichtsdestotrotz habe ich an diesem Tag viele tolle Eindrücke und natürlich auch interessante Bilder mitgenommen.

Auch der folgende Tag war zumindest teilweise von sportlichen Anstrengungen geprägt: Tani hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Heimreise angetreten. Alex, Henry und ich beschlossen daraufhin, eine Bergbesteigung auf die Tagesordnung zu setzen. Man hatte uns gesagt, dass man mindestens einen der Hügel rings um die Stadt über einen schmalen Pfad erklimmen könne. Es dauerte eine Weile, bis wir jemanden gefunden hatten, der uns sagen konnte, wo sich dieser Pfad befand. Der Aufstieg selbst sollte sich als eine Herausforderung ersten Grades erweisen. Der Pfad war kaum befestigt und wies an vielen Stellen mehr als 100% Steigung auf, sodass wir zum Teil auf allen Vieren und unter Zuhilfenahme von Ästen und Wurzeln den Weg nach oben kriechen mussten. Die Hitze an diesem Tag tat ihr übriges, und so erreichten wir nach knapp unter einer Stunde sehr erschöpft die Spitze. Doch der Ausblick entschädigte für alles! Von dort oben ließ sich ein guter Überblick über das kleine Yangshuo und die umliegenden Berge gewinnen. Alex und Henry posierten für ein paar Bilder auf dem höchsten Felsbrocken, im Anschluss daran genossen wir das mitgebrachte Mittagessen: Wassermelone und Erdnüsse. Nach einer Stunde traten wir schließlich den nicht weniger gefährlichen Rückweg nach unten an und entschlossen uns, den Rest des Tages wirklich "Urlaub" im eigentlichen Sinne des Wortes zu machen: In einem netten Café genossen wir ein frühes Abendbrot mit Pizza und Milkshakes, spielten Pool Billard und ließen den Tag in eben diesem Rhythmus auch ausklingen. Was für eine Wohltat!

Den letzten großen Tagesausflug unternahmen wir am Donnerstag, einen Tag vor unserem Rückflug nach Peking. Zusammen mit Alex' französischem Mitbewohner William und seiner Freundin Vanessa wollten wir die "Dragon's Backbone" Reis-Terrassen besichtigen. Die Terrassen gelten als eine der beliebtesten Attraktionen in der Gegend. Es handelt sich dabei um Reisfelder, die terrassenförmig angelegt sind und bis zu tausend Meter hoch sind. Das mussten wir uns einfach aus nächster Nähe ansehen! Von Guilin aus nahmen wir einen Bus in Richtung Ping'an, einem kleinen 600 Jahre alten Dorf inmitten der Terrassen, dessen Bewohner vorrangig der Zhuang-Minderheit angehören. Es kostete uns eine Stunde, bis wir einen Bus zu einem annehmbaren Preis gefunden hatten, und zweieinhalb weitere Stunden, um nach Ping'an zu gelangen. Zum ersten Mal in dieser Woche spielte uns das Wetter einen Streich. Der Himmel war bedeckt und ein leichter Nebel hatte sich über die Berge gelegt. Nach einer ausgiebigen Stärkung mit Sauer-Scharf-Suppe (ist dort unten wirklich höllisch scharf!) und gebratenem Reis erkundeten wir die Gegend. Auf den Feldern waren Bauern mit der Ernte beschäftigt: Während die einen den Reis wahlweise mit Sicheln oder per Hand einsammelten, transportierten andere ihn in großen Körben in Richtung Dorf. Die Felder waren zum Teil geflutet, auf kleinen Trampelpfaden konnte man jedoch trockenen Fußes von A nach B gelangen. Unsere Gruppe machte eine kleine Rundtour und begab sich mit Eintreten der Dämmerung wieder in Richtung Parkplatz, wo auch schon unser Fahrer auf uns wartete. Die Rückfahrt nach Yangshuo und der weitere Abend verliefen indes ereignislos. Wir alle waren von der langen und anstrengenden Woche gezeichnet und ich persönlich freute mich schon ein bisschen auf die Heimkehr nach Peking.

Der letzte Tag eines aufregenden Urlaubs in Guangxi war schließlich gekommen. Eigentlich wollten wir die letzten Stunden unseres Aufenthalts nur entspannt mit einem Spaziergang durch die Stadt und entlang des Flusses verbringen. Doch dann sprach uns eine dieser Damen an, die Touristen (zum Teil mit einer sehr aufdringlichen Art) Tagesausflüge und Touren verkaufen wollen. Sonst hatten wir immer dankend abgelehnt, dieses Mal jedoch entschieden wir uns, eine zweistündige Bootsfahrt auf dem Li zu unternehmen. Die Gelegenheit war günstig: Die meisten Touristen hatten Yangshuo gerade verlassen und auch das Wetter zeigte sich nicht gerade von seiner Schokoladenseite. Wir konnten die Frau also auf einen Schnäppchenpreis herunterhandeln. Auf einem Bambusboot fuhren wir also flussabwärts und genossen so die letzten Stunden unseres Aufenthalts in Südchina in vollen Zügen. Einziger Wermutstropfen war eine Erkältung, die ich mir ein paar Tage zuvor zugezogen hatte. Sie ließ auch den Rückflug nach Peking zu einer recht unangenehmen Erfahrung werden. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, würde ich jedem davon abraten, mit einer Erkältung zu fliegen! Das war auch schon mein Bericht über sechs wundervolle Tage in der südchinesischen Provinz Guangxi. Ich hoffe, ich konnte Euch einen guten Eindruck von diesem Flecken Erde vermitteln. Und wer weiß, vielleicht hat der ein oder andere ja irgendwann die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von dieser unvergleichlichen Region zu machen. In meinem nächsten Blog-Eintrag werde ich wieder über mein Leben zurück in Peking berichten. Bis dahin, viele liebe Grüße nach Hause!