2009-10-01

Sprach- und Kulturprogramm auf Taiwan mit Stopp in Shanghai und Beijing

Sinologie zu studieren gilt ja gemeinhin als schwieriges Unterfangen: Die Sprachkurse an der Uni vermitteln zwar die grundlegenden Kenntnisse und Schriftzeichen. Wenn man dann allerdings tatsächlich in China landet und auch nur einen Saft bestellen möchte, stößt man bereits an erste sprachliche Barrieren. Um dieses Manko zu beseitigen und einen ersten Eindruck vom fernen Osten zu erlangen, entschloss ich mich zusammen mit Stephan, Vero, Dominik, Susi, Rouven und Sarah - allesamt Sinologie-Nebenfächler - an einem Sprachkurs auf Taiwan teilzunehmen. Das Programm klang viel versprechend: Ein kostenloser, vierwöchiger Intensivsprachkurs an der Tübinger Partneruniversität Chung Hsing University in Taichung mit freier Unterkunft; lediglich der Flug musste selbst finanziert werden. Ob sich die Mühe gelohnt hat und was unsere Gruppe alles erleben durfte, möchte ich in dem folgenden Bericht kurz rekapitulieren:

Ankunft in Shanghai

Das erste Ziel unserer insgesamt 38-tägigen Reise sollte die Millionenmetropole Shanghai sein, in der wir 24 Stunden Aufenthalt hatten. Am Flughafen von Pudong herrschten feuchte 37 Grad. Ob das den Wärmebild-Test auf mögliche Träger von Schweinegrippe beeinträchtigt hat, ist nicht bekannt. Nach dieser ersten Hürde stand noch die obligatorische Einreisekontrolle und schließlich der Wechsel von Euro-Noten in chinesische Yuan an. Mit dem uns anlachenden Vorsitzenden Mao im Portemonnaie konnte es
dann endlich losgehen! Die "Magev", der auch als Transrapid bekannte Schnellzug, brachte uns innerhalb weniger Minuten und mit einer Höchstgeschwindigkeit von 440km/h nach Shanghai, genauer gesagt bis zur ersten erreichbaren U-Bahn Station im Süden der Stadt. Mit Händen und Füßen konnten wir uns den Weg zu unserem im Norden befindlichen Hostel erfragen. Der Umstand, dass in China nach wie vor nur die wenigsten Englisch sprechen und man unseren chinesischen Wortfetzen zwar wohlwollend lauschte, diese aber offenbar kaum verstand, gestaltete die Suche unerwartet schwierig.
Auch sonst waren wir von den Eindrücken, die sich uns boten, nahezu erschlagen. Die schiere Größe Shanghais und das Gewimmel auf den Straßen sind nur die offensichtlichsten Unterschiede zu deutschen Landen. "Chaos" ist glaube ich ein recht passender Begriff, um die Verkehrsverhältnisse der Stadt zu beschreiben: Fahrräder und Mopeds zwängen sich durch die engen Lücken der überfüllten Highways, Fußgängern wird in der Regel keine weitere Beachtung geschenkt und ohnehin scheint hier jeder irgendwie sein eigenes Süppchen zu kochen. Zu allem Überfluss wird man als westlich aussehender Tourist auch noch von allen Seiten angestarrt und gemustert - eine Erfahrung, die sich besonders die Mädels in unserer Gruppe wahrscheinlich gern erspart hätten. Der Vorfreude auf die uns bevorstehende Zeit hat das aber keinen Abbruch getan.

Nachdem wir unsere Sachen im Hostel deponiert hatten, stürzten wir uns auch direkt wieder ins Getümmel. Mit der Bahn ging es zum nördlichen Ufer des Huangpu, von dem aus die berühmte Skyline der Stadt zu sehen ist. Bei leichtem Nieselregen zogen wir über eine geschäftige Einkaufsstraße und machten es uns in einem netten und auch sehr leckeren chinesischen Restaurant gemütlich. Im Anschluss liefen wir weiter durch die Straßen des Viertels. Mehrere Male sprach man uns an, ob wir nicht eine Bootstour entlang der nächtlichen Skyline mitmachen wollten. Und da unsere Mägen gefüllt und das Angebot nach zähen Verhandlungen mit 8 Euro doch recht vernünftig klang, waren wir überzeugt. Drei unserer Mitstreiter verließ beim Auftauchen des ziemlich heruntergekommenen und mit verdunkelten Scheiben versehenen Shuttle-Buses jedoch in letzter Minute der Mut, sodass wir - mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen - nur zu viert in das Gefährt einstiegen. Und voila, entgegen aller Befürchtungen hatte man uns nicht verschleppt. Stattdessen landeten wir auf einem hübschen, gelb beleuchteten "Segelboot", welches uns über eine Stunde über den Huangpu und entlang der von Nebelschwaden durchzogenen Skyline des Pudong-Distrikts schipperte. Aber nicht nur die hell erleuchteten, futuristischen Bauten Pudongs mit dem wohl weltbekannten Oriental Pearl Tower machten diese Tour so lohnenswert, auch die auf der gegenüberliegende Seite des Flusses liegenden Gebäude aus Kolonialzeiten haben nach wie vor ihren Reiz. Wir waren übrigens die einzigen Ausländer an Bord und wurden so schnell zur örtlichen Attraktion: Etwas schüchterne Chinesen machten Bilder von und mit uns (wobei besonders Vero ein beliebtes Fotomotiv darstellte) und irgendwann kamen wir sogar ins Gespräch. Zwar konnten wir nur erzählen, wo wir herkommen und was wir in China machen, trotzdem gibt sowas bereits ein gewisses Selbstvertrauen, was den Umgang mit der chinesischen Sprache angeht.

Die Tour endete dort, wo sie begonnen hatte. Und gegen einen kleinen Aufpreis fuhr man uns zurück zu der Straße, wo wir uns mit den anderen drei verabredet hatten. Zum Abschluss liefen wir noch ein paar Straßen weiter zum "Alten Shanghai", einem Viertel traditioneller chinesischer Bauweise, bevor wir uns ein Taxi zurück zum Hostel riefen. Unglücklicherweise stellte es sich als besonders schwierig heraus, den der englischen Sprache unkundigen Fahrern mitzuteilen, wo genau wir eigentlich hin wollten. Doch unsere Beschreibung der Lage (wir kannten den Straßennamen und den Namen der U-Bahn Station) schien einigermaßen akkurat zu sein, sodass wir letzten Endes doch noch am Hostel ankamen. Überrascht waren wir von dem günstigen Preis von gerade einmal 3,20 Euro für fast 30min Fahrt. Aber wie sich später herausstellen sollte, sind die Preise in China und auf Taiwan allgemein sehr moderat.

Am nächsten Morgen mussten wir auch schon wieder in Richtung Flughafen aufbrechen. Viel haben wir nicht gesehen von Shanghai, aber es sollte der Start einer fulminanten Reise werden...

Überflug nach Taiwan


Dank starker Windböen errichten wir den Internationalen Flughafen Taoyuan auf Taiwan mit einer unerwartet holprigen Landung - wie wir später erfuhren, handelte es sich um erste Ausläufer des herannahenden Taifuns Morakot...Bereits beim Ausstieg aus dem Flieger kam uns eine feucht-schwüle Hitzewelle mit Temperaturen von nahezu 40° im Schatten entgegen - subtropisches Klima halt. Aber "Formosa", wie die Insel früher auch von den Portugiesen genannt wurde, gefiel mir trotzdem auf Anhieb! Nachdem wir von unseren taiwanischen Freiwilligen Jay, Emma, Julia und René freundlich in Empfang genommen worden waren, brachte uns ein Bus zur National Chung Hsing University nach Taichung, wo wir in den kommenden vier Wochen Chinesisch studieren würden. Die Stimmung im Bus war prima: Jay zeigte uns eine Lern-CD für Deutsch-Lernende sowie ein Deutsches Wörterbuch mit einer, nennen wir es nicht ganz akkuraten Lautumschrift :)

Nach fast zwei Stunden erreichten wir Taichung (chin. 台中), die drittgrößte Stadt Taiwans, sowie unsere Unterkunft auf dem Campus. Der erste Schreck war groß: Es war bereits dunkel und der Fahrer fuhr auf den Hof des "male's dormitory", also dem männlichen Studentenwohnheim. Die fünf gelblich gestrichenen Gebäude und die mit Stacheldraht versehenen Mauern des Trakts erinnerten schon sehr an eine Kaserne! Und auch das Interieur machte schnell klar, warum wir diese Bleibe kostenlos bewohnen durften: Die Zimmer bestanden aus zwei sich gegenüberliegenden, steinernen Doppelstockbetten, die jeweils mit einer Spanplatte und einer wenigen Zentimeter dicken Matratze ausgestattet waren. Die Fenster konnten zwar geöffnet werden, hindurchsehen konnte man durch die milchigen Scheiben allerdings nicht. Für die Klimaanlage gab man uns eine wiederaufladbare Karte (die in Stephans und meinem Zimmer unerklärlicher Weise doppelt so viel Strom abzog wie in allen anderen Zimmern) und auch die Internetverbindung stand bereits am zweiten Abend zur Verfügung. Besonders interessant bei der Einrichtung waren auch die Toiletten: Zwar gab es auf jedem Stockwerk zwei der bei uns im Westen üblichen Sitz-Schüsseln, in der Regel muss man in China und auf Taiwan jedoch mit Hock-Toiletten Vorlieb nehmen, deren korrekte Benutzung mir bis heute nicht ganz einleuchtet. Zudem wird Wert darauf gelegt, dass das Klopapier nicht in die Schüssel, sondern in einen beistehenden Papierkorb geworfen wird. Auch daran muss man sich erst einmal gewöhnen!

Im Anschluss an die Besichtigung unseres neuen Domizils gingen wir mit unseren Freiwilligen in eine Suppenküche, wo wir auch die Mädels wieder trafen. Jay half uns bei der Bestellung, doch die "mittelscharfe" Brühe, die man uns brachte, war dermaßen gut gewürzt, dass es mir und Stephan bald die Tränen in die Augen drückte. Zum Glück standen auch weniger scharfe Speisen zur Auswahl und die Preise waren, wie auf Taiwan üblich, mit 1-2 Euro pro Gericht so moderat, dass man schon mal was anderes bestellen konnte. Die Taiwaner kochen übrigens sehr selten, wie man uns mittelte. Stattdessen gehen sie morgens, mittags und abends in eine der unzähligen Garküchen, Restaurants und Straßenbuden, und holen sich für wenig Geld einen Imbiss. Den (roten) Schwarztee gibt es meist gratis dazu! Und wenn wir schon beim Essen sind: Als Besucher sollte man sich keinesfalls die lokalen Nachtmärkte entgehen lassen. In den kleinen Straßenbuden werden dann von fünf Uhr abends bis spät in die Nacht einheimische Spezialitäten angeboten. Man bekommt von Enten- und Schweinefleisch mit Reis oder Nudeln bis hin zu exotischeren Sachen wie Hühner-Herzen, Schweine-Darm sowie "Wurst" aus Reis und Entenblut, wie sie Dominik und Stephan bereits am zweiten Tag ausprobierten, eigentlich alles. Es hat schon ein-zwei Wochen gedauert, bis wir herausgefunden hatten, was man ohne böse Überraschung bestellen kann. Umso leichter viel uns der Hóng Chá (红茶), der Schwarztee, den wir mit nicht wenig Stolz auch bald in den verschiedensten Variationen bestellen konnten. Zum Frühstück gab es übrigens meist Sandwiches oder Hamburger, einfach aus dem Grund, weil unsere sprachlichen Fähigkeiten nicht für mehr ausreichten: In der "Frühstücksstraße", wie wir sie später nannten, bestellten wir zu viert gleich am ersten Tag 8 Hamburger. Dass so eine Ernährung auf Dauer nicht zu empfehlen ist, kann sich jeder denken...

Der Sprachkurs begann am Montag dem 03. August. Zu Fuß überquerten wir den übersichtlichen Campus der Uni. In einem kleinen Wäldchen gegenüber vom Language Center machte eine große Gruppe Einheimischer ihre morgendlichen Aufwärmübungen - bei Temperaturen von weit über 30 Grad versteht sich! Dann begann auch schon die erste Stunde: Unsere elfköpfige Gruppe, allesamt Sinologie-Nebenfächler aus Tübingen, wurde von Gogo, einer kleinen taiwanischen Lehrerin, die trotz ihrer 35 Jahre noch gut als Studentin hätte durchgehen können, unterrichtet. Bereits in den ersten Tagen lernten wir überlebensnotwendige Begriffe wie z.B. Obst- und Gemüsesorten. Allerdings war uns schon am ersten Tag klar, dass die Zeit wohl nie reichen würde, um alle Zeichen tatsächlich auswendig zu lernen, zumal man auf Taiwan noch immer die traditionellen Langzeichen verwendet, anstatt die von Mao in der Volksrepublik eingeführten vereinfachten Schriftzeichen. Schnell bemerkten wir auch, dass Gogo einen gewissen Hang zu sagen wir persönlich-sexuellen Anspielungen hatte, was sich mit der Zeit auch in den Vokabellisten niederschlug: In einer Stunde hatte sie zufällig die Zeichen für Gummipuppe an der Tafel stehen, als plötzlich ihr Vorgesetzter in der Tür stand. Aber die täglichen Lerneinheiten sollten uns natürlich auf die Widrigkeiten des Lebens vorbereiten! So wurde uns ans Herz gelegt, als Mann doch bitte keine Erdbeermilch zu bestellen, da dies im Chinesischen auch der Name einer Pornodarstellerin ist, was beim Adressaten der Bestellung durchaus zu Erheiterung führen kann. Dass ich das umgehend ausprobieren musste, ist selbstverständlich.

In der ersten Woche unseres Aufenthalts fing es übrigens jeden Tag pünktlich gegen Ende der Unterrichtseinheit um ein Uhr nachmittags an zu regnen! Die Vorboten des Taifuns Morakot kündigten sich an und die Behörden gaben Warnungen heraus, die auf die Gefahr von herabstürzenden Reklametafeln hinwiesen und das Anlegen von Trinkwasserreserven empfohlen. Doch bis zum ersten Wochenende war das Wetter, wenn man mal von einigen heftigen Schauern absieht, recht normal. Wir nutzten also die Chance, Taichung zu erkunden: Den Campus ließen wir uns von Julia aus dem siebten Stock der Uni-Bibliothek zeigen, im Anschluss daran brachen wir allein in Richtung Stadtzentrum auf. Mit Händen und Füßen fragten wir uns bei der Bevölkerung durch, entdeckten einen kleinen Tempel und erlebten eine traditionelle Trauerfeier, die von einer Marschkapelle begleitet durch die Straßen zog. Was wir nicht wussten (und ohne Karte auch kaum hätten feststellen können): Das Zentrum Taichungs war von unserer Uni eigentlich nur mit dem Bus oder dem Taxi zu erreichen, sodass wir nach über einer Stunde wieder den Rückweg antreten mussten. Dafür zeigte uns Julia am folgenden Tag, wie man in eine der Haupteinkaufsstraßen der Stadt gelangt. Wiedereinmal schüttete es in Strömen und selbst der Schirm hatte seine liebe Mühe, uns trocken zu halten, zumal die Straßen zum Teil so geflutet waren, dass wir mit unseren Flip-Flops und Sandalen ohnehin bis zu den Knöcheln im Wasser standen.

Kulturelle Feinheiten und Freizeitaktivitäten

Jeweils mittwochs (zum Teil auch freitags) hatte die Uni eine typisch chinesische Aktivität vorbereitet. So wurde uns das Zubereiten von Jiaozi, einer mit den in Süddeutschland bekannten Maultaschen vergleichbaren Teigspezialität , beigebracht. Wir lernten die Grundregeln des Brettspiels Mahjongg (eigentlich 麻將, Má-Jiàng) und bekamen in einem Teehaus gezeigt, wie man richtig Tee aufzugießen hat. Einer der Höhepunkte war der Kalligrafie-Kurs mit einem chinesischen Meister-Kalligrafen, der uns auf sehr eindrucksvolle Art in die verschiedenen Schreibtechniken aus diversen Perioden der chinesischen Geschichte einführte. Für uns war bereits das Halten des Pinsels und das Schreiben einfachster Zeichen mit einem enormen Aufwand verbunden. Ich glaube, erst wenn man das einmal gemacht hat, kann man die Arbeit, die hinter einer solchen Kalligrafie steckt, richtig nachvollziehen. Am Ende dieses Kurses konnte sich jeder vom Meister noch einen Schriftzug mit seinem chinesischen Namen anfertigen lassen. Wir gingen leider leer aus, da uns Gogo bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Namen gegeben hatte, aber gut.

Schlussendlich ist auch die Kongfu-Lehrstunde als besonderer Höhepunkt zu nennen: Mit einem halbem Huhn im Magen kamen wir zum sogenannten "Martial-Arts" Training. Bei erneut schwül-warmen Verhältnissen ließ uns bereits die Aufwärmung kräftig in Schwitzen geraten. Dem Meister war indes nichts anzumerken. Es folgten nahezu akrobatische Dehn-Übungen, bei denen man sich zum Teil rücklings verbeugen musste, um seinen Hinterkopf auf dem Boden abzulegen und anschließend wieder in die senkrechte Position zurückzufinden. Da war ich doch reichlich froh, als es endlich mit den Übungen zu Schlag- und Tritttechnik losging, die ich noch aus meinen Karate- und Jiu-Jitsu-Tagen kannte...

Auch sonst haben wir einiges von der taiwanischen Kultur mitnehmen können: So besuchten wir an einem Abend ein klassisches chinesisches Konzert im Theater von Taichung, erhielten eine Einführung in die Kunst des Karten- und Hände-Lesens (Gogos Freund Felix hatte ein Faible für Übersinnliches) und mit Jay, Cindy, Julia und ihrem Freund Fabian ging es eines Abends sogar zum KTV, zu deutsch Karaoke. Auf Taiwan ist das eine äußerst beliebte Freizeitbeschäftigung: Man trifft sich mit Freunden oder Geschäftspartnern, kann in einem privaten Ambiente essen und trinken und nicht zuletzt natürlich auch singen. Zugegeben, wirklich gut waren unsere Einlagen sicherlich nicht, aber seis drum, der Abend war ein voller Erfolg! Gleiches galt im Übrigen für die meisten der Abende: So trafen wir uns hin und wieder zum Billard-Spiel in einer nahe gelegenen Bar, feierten den Geburtstag von Stephan in einem Guns N' Roses Pub und durchtanzten im Xaga, einem angesagten Club der Stadt, die Nacht. Letzteres war jedoch eigentlich nur deshalb so erfolgreich, weil uns der Besitzer des Clubs an seinen Tisch geladen hatte und uns fortwährend mit Spirituosen versorgte. Außerdem kann man von Glück reden, dass wir an diesem Abend heil aus unserem Taxi ausstiegen - wir waren ja einiges gewohnt seit unserer Ankunft, aber so wie dieser Taxifahrer ist noch nie jemand mit uns durch die Stadt gerast!

Weniger aufregend verbrachten wir das Wochenende, als schließlich Taifun Morakot über die Insel zog. An jenen Tagen war es deutlich stürmischer, das Wasser stand teilweise bis zu den Knien auf den Straßen und hin und wieder sah man auch einen umgestürzten Baum am Straßenrand liegen. Man hatte uns gebeten, das Dormitory nicht zu verlassen und uns mit Fertigsuppen einzudecken. Wir bekamen an diesem Freitag sogar sturmfrei. Die Zeit schlugen wir mit Karten spielen und schlafen tot. Von den dramatischen Folgen, wie sie der Süden des Landes erlebte, wo viele hundert Menschen in den Fluten ihr Leben ließen, erfuhren wir glücklicherweise nur aus dem Fernsehen.

Unsere taiwanischen Freiwilligen hatten sich alle Mühe gegeben, unseren Aufenthalt an der Uni so interessant wie möglich zu gestalten. Zwei Highlights möchte ich deshalb niemandem vorenthalten: Zur Halbzeit unseres Aufenthalts veranstalteten sie ein sog. Amazing Race, ein Spiel, bei dem die Teilnehmer des Programms in Gruppen unterteilt und für diverse Spiele über den Campus gejagt wurden. Man musste bestimmte Charaktere auf dem Gelände finden und für sie Aufgaben erfüllen, wie z.B. Twister mit chinesischen Zeichen spielen, Nüsse mit Stäbchen über einen Hindernisparcours befördern, einen Liedtext vervollständigen oder die taiwanische Variante von Schere-Stein-Papier für sich entscheiden (der Verlierer bekam eine Wasserdusche). Wer zuerst fünf Aufgaben vollständig erfüllt hatte, war der Sieger und bekam für die abschließende Wasserschlacht die meisten Wasserbomben! Für das Protokoll: Die beiden deutschen Teams konnten das Rennen mit Abstand für sich entscheiden :)

Das zweite Highlight war die Fahrt zum Sun-Moon-Lake im Zentrum der Insel. Zwar war das Wetter mal wieder alles andere als sonnig, die Fahrt über den See und den Aufstieg zur Ci-Hen Pagode ließen wir uns dadurch allerdings nicht vermiesen. Zwischendurch ließen wir uns in einem kleinen Touristenort zum Mittagessen nieder, während die Mädels ein von ihrem Reiseführer angepriesenes Eingeborenendorf suchten (welches in der Gegend allerdings niemand zu kennen schien). Den zweiten Tag dieses Wochenendes verbrachte unsere Gruppe mit Emma am Strand von Tungsiao, der sich bei näherer Betrachtung als Freizeitpark in unmittelbarer Nähe zu einem Industriegebiet herausstellte. Das Wasser war unerwartet flach und fortwährends versuchten zwei Typen mit Trillerpfeifen, uns davon abzuhalten, weiter ins tiefere Wasser vorzudringen. Man muss wissen, dass den Taiwanern nachgesagt wird, sie könnten nicht oder nicht richtig schwimmen. Wir ließen uns davon nicht beeindrucken und genossen den Strandtag, soweit es eben möglich war. Gut gebräunt und ziemlich erschöpft traten wir den Heimweg an.

Hualien und der Taroko National Park 


Für unser drittes Wochenende hatten wir Gogo überreden können, uns sowohl den Freitag als auch den darauf folgenden Montag freizugeben. Ok, freigeben ist nicht das richtige Wort - tatsächlich hatten wir in den Wochen davor jeweils mittwochs und freitags zwei Stunden an den regulären Sprachkurs angehängt, um uns den Luxus eines viertägigen Wochenendes leisten zu können. Lange Rede, kurzer Sinn: Bereits am Donnerstag Nachmittag brach unsere Gruppe mit dem Zug in Richtung Ostküste auf, wo Julia uns eine B&B-Pension (Bed & Breakfast) reserviert hatte. Für umgerechnet 15 Euro kauften wir ein Ticket, mit dem man 5 Tage lang auf "allen Zügen" quer durch Taiwan fahren konnte. Leider relativierte sich diese Aussage ziemlich schnell, denn zumindest mit den drei Schnellzügen (die das Gros der Verbindungen ausmachten), durften wir mit unserem Ticket nicht reisen! Wir mussten also auf die Bimmelbahn ausweichen, die allein nach Taipeh drei Stunden, und nach Hualien (so hieß unser erstes Ziel), noch einmal so lange unterwegs war - man beachte, dass diese Insel nicht größer als Baden-Württemberg ist! Am Abend erreichten wir Hualien und fanden nach längerer Suche sogar unser B&B. Tatsächlich sollte sich diese Herberge als Geheimtipp erster Klasse entpuppen! Für 10 Euro pro Nase bekamen wir ein edles Zimmer mit drei komfortable Betten, Fernseher und eigenem Bad.

Der nächste Tag sollte einer der besten unserer Reise werden: Wir hatten über das B&B eine sogenannte River Tracing Tour gebucht. Pünktlich um 7:30 Uhr wurden wir dafür von zwei jungen Taiwanern in ihrem Kleinbus abgeholt und in die mehrere Kilometer entfernten Berge chauffiert. Niemand wusste so recht, was uns zu erwarten hatte, deshalb waren wir umso begeisterter, als es endlich losgehen sollte. Wir erreichten einen strahlend blauen Fluss und durften zuallererst in hautenge Neoprenanzüge steigen, bekamen Helme, Schwimmwesten und sogar Gesäßschützer. Das Ganze sah zwar ziemlich albern aus, es sollte sich im Nachhinein jedoch als absolut notwendig herausstellen. Die Tour machte ihrem Namen alle Ehre:



Zur Abkühlung ließen wir uns in den herrlich klaren Fluss fallen und liefen anschließend flussaufwärts durch das grüne Tal. Bereits nach wenigen hundert Metern wartete die erste Herausforderung. Man ermunterte uns, einen Felsen hinaufzusteigen und aus knapp 7 Meter Höhe ins kühle Nass zu springen! Unsere beiden Begleiter hatten in der Zwischenzeit ihre Schüchternheit aufgegeben und scherzten mit uns. Wir folgten dem Fluss, ließen uns treiben und erreichten eine Lagune, in der wir kurz Rast einlegten. Es lässt sich schwer mit Worten beschreiben, was wir in den vier Stunden alles gesehen und erlebt haben, deshalb verweise ich an dieser Stelle einfach nochmal auf meine Taiwan-Bildergalerie!

Nach der Tour setzten wir uns in den Bus zum Taroko National Park, einem Nationalpark mit mehreren hundert Meter tiefen Canyons. Der Fluss war hier alles andere als sauber. Durch den Taifun war viel Schlamm aufgewühlt worden - eine einziger grauer Teppich, der sich den Weg durch die engen Schluchten bahnt. Wir besorgten uns ein (sehr spartanisches) Zimmer in einer Jugendherberge in dem abgelegenen Ort Tiansiang und begaben uns noch am selben Abend auf eine kurze Wanderung entlang des Baiyan-Trails, einem Pfad, an dessen Ende laut Reiseführer zwei wunderschöne Wasserfälle warten sollten. Kurz vor Einbruch der Dämmerung wollten wir eigentlich schon kehrt machen, doch Stephan schritt unnachgiebig voran - und tatsächlich, hinter der nächsten Kurve waren wir am Ziel! Auch der nächste Tag sollte dem Wandern gewidmet sein. Bei strahlendem Sonnenschein aber auch unerträglicher Hitze folgten wir der Hauptverkehrsstraße, die den Westen der Insel mit dem Osten verbindet, bis wir nach fast zwei Stunden den Anfang des eigentlichen Trails erreichten. Doch der Pfad entpuppte sich als große Herausforderung: Nach vielleicht einem Kilometer normalem Wandern ging es plötzlich nur noch steil bergauf, unsere Wasserreserven neigten sich dem Ende und auch die Hinweisschilder, nach denen der Weg partout nicht kürzer werden sollte, ermunterten nicht gerade zum Weiterlaufen. Erschöpft mussten wir also den Rückweg antreten. Zurück in Tiansiang erklommen Stephan, Rouven und ich dann aber doch noch die örtliche Pagode, bevor wir alle mit dem Bus zurück nach Hualien fuhren.

Für den Sonntag hatten wir uns überlegt, an einer Rafting-Tour teilzunehmen. Auch dieser Fluss, etwa zwei Stunden südlich von Hualien, war schlammig und grau, sodass wir zuallererst darauf bedacht waren, nicht zu kentern. Womit wir nicht gerechnet hatten, waren die asiatischen Teilnehmer in der Gruppe: Anstatt ordentlich zu rudern, versuchte man sich gegenseitig mit Hilfe von Schöpfkellen nass (und damit dreckig) zu machen. Und auch die "Betreuer" versuchten mit ihren Motorbooten ständig, durch abrupte Manöver sintflutartige Wellen über die Boote zu ergießen. Dass wir als einziges "europäisches Boot" ein beliebtes Angriffsziel waren, braucht man an dieser Stelle nicht weiter betonen. Wir schlugen uns tapfer, und obwohl wir an einer Stelle tatsächlich fast gekentert wären, erreichte der deutsche 6er souverän als erster das Ziel!

Gut erholt aber auch durch einen kräftigen Sonnenbrand an Oberschenkeln und Schultern gezeichnet, begaben wir uns am Montag schließlich auf den Heimweg. In dem Städtchen Fulong legten wir noch eine Pause am Strand ein, doch dann hieß es wirklich Abschied nehmen von der Ostküste.

Abschied und das Wochenende in Taipeh


Die letzte Woche unseres Aufenthalts war gekommen: In unserem Sprachkurs hatten wir bis zum letzten Tag unzählige neue Begriffe, Attribute, Verben und Sprichwörter gelernt. Letztere nutzen die Chinesen gern, um einen bestimmten Begriff oder eine Situation zu umschreiben. Dabei lassen sie meist die zweite Hälfte des Satzes weg, der die eigentliche Bedeutung enthält. Kennt man die dazugehörige Geschichte nicht, kann man das Sprichwort nicht vollenden und bleibt damit im Unklaren darüber, was einem der Gegenüber da gerade gesagt hat. Irgendwie typisch chinesisch!

Eine Herausforderung sollte uns noch bevorstehen: Für die Abschlusszeremonie am Freitag vor unserer Abreise hatte man uns gebeten, uns eine Abschiedsaufführung zu überlegen. Während die Hauptfächler ein klassisches chinesisches Gedicht und ein Abschiedsvideo vorführten, hatten wir uns einen zugegeben etwas albernen Tanz ausgedacht: Zu dem Lied "Zhuan ba!", welches uns Gogo im Unterricht beigebracht hatte und das von einer farbenfrohen Diskokugel handelt, wurde vor den Augen der Uni-Leitung gesungen und performed, wobei die Luftgitarrennummer von Dominik und Stephan nur einer der vielen Höhepunkte sein sollte. Wer sich das Originalvideo zu dem Song ansehen möchte, schaue bitte hier. Die Zeremonie endete mit der Übergabe der Teilnahmezertifikate, Unmengen an gegenseitigen Geschenken und sogar einigen Tränen. Im Anschluss ließen sich alle zusammen in einem Restaurant nieder und wir verabschiedeten uns von Gogo, ihrem Freund und den meisten der Freiwilligen, von denen einige uns doch sehr ans Herz gewachsen waren.

Lediglich Julia und Emma sollten uns noch zwei Tage länger erhalten bleiben: Für das Wochenende vor unserem Abflug nach Beijing hatten wir uns überlegt, auch noch Taipeh unsicher zu machen. In der Hauptstadt Taiwans gibt es für Touristen besonders zwei Attraktionen, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte: Zum einen ist das das Chiang-Kaishek Memorial, eine Tempelanlage zu Ehren des früheren Guomindang-Führers, in der wir die Wachablöse und das im Keller befindliche Museum zu Gesicht bekamen. Zum anderen ist natürlich der Taipei 101, das bis 2007 höchste Gebäude der Welt, von besonderem Interesse. Ebenfalls rekordverdächtig ist der Aufzug des Wolkenkratzers: Nur etwa 30 Sekunden braucht dieser Lift, um Besucher hinauf zur Aussichtsplattform im 89. Stock zu katapultieren. Auf gleicher Höhe befindet sich auch eine über 600 Tonnen schwere Stahlkugel, die das Gebäude gegen die in der Region sehr häufig auftretenden Erdbeben austarieren soll. Wir genossen den leider vom Smog etwas getrübten Blick sowie den Sonnenuntergang, und stürzten uns anschließend in das Nachtleben der Stadt (vorher nahmen wir noch den Aufzug nach unten!). Dominik wollte vor unserer Abreise unbedingt noch Schlangenfleisch probieren, sodass wir uns von unseren Begleitern James und Derreck (Freunde von Susi) in die "Snake-Alley" führen ließen. Was dort gezeigt wurde, ließ zumindest mir den Appetit gründlich vergehen: Schlangen wurden bei lebendigem Leibe aufgeschnitten, das Blut zu einem Schnaps verarbeitet und so zappelten die armen Tiere aufgehängt vor den Augen der Schaulustigen, bis sie verblutet waren. Nebenan gab es Schildkröten, denen man Kopf und Panzer entfernt hatten, und einige Stände weiter wurden Insekten am Spieß verkauft. Dominik aß an diesem Abend keine Schlange mehr...

Am nächsten Tag hieß es dann endgültig Abschied nehmen von Julia, Emma und der gesamten Insel. Wie haben viel gesehen und erlebt (jeder, der bis hierhin mit gelesen hat, wird das bestätigen können), viele neue Freunde gewonnen und sicherlich auch unser Chinesisch um das ein oder andere Zeichen erweitert. Damit bleibt nur noch eines: Eine Woche Urlaub in der chinesischen Hauptstadt!

Die Kaiserstadt Beijing und die Chinesische Mauer

Den letzten Teil unserer fünfwöchigen Reise durch Taiwan und China sollte die chinesische Hauptstadt Beijing/Peking bilden. Der Abschied von den tropischen Temperaturen auf "Formosa" fiel mir ehrlich gesagt kaum schwer, ganz im Gegenteil: Trotz des über der Stadt hängenden Smogs war ich überrascht, wie sauber Beijing eigentlich ist: Bereits bei der Fahrt mit dem Taxi zu unserem Hostel wähnten wir uns beinahe in einer westlichen Großstadt. Moderne Architektur, prunkvolle Straßen, kleine Parks und Grünstreifen - aus irgendeinem Grund hatte ich mir Beijing immer anders vorgestellt. Lediglich die vielen zweirädrigen Vehikel und die doch recht große Anzahl an Polizisten, Soldaten und Wannabe-Ordnungshütern kannten wir ja bereits aus Shanghai...

Es dämmerte bereits, als wir unser Hostel erreichten, und wir entschieden uns spontan zu einer kleinen Erkundungstour durch die nächtlichen Straßen der Hauptstadt. Unser Weg führte uns nach Norden, und da sich unsere Herberge nur drei Straßen von der Verbotenen Stadt entfernt befand, wollten wir uns einen Blick darauf natürlich nicht entgehen lassen. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland wurde ich gefragt, warum man diesem Teil Beijings eigentlich den Namen "Verbotene Stadt" gegeben hat. Nun, bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein diente sie dem Kaiser und seinem Hof als Residenz. Dem einfachen Volk war es also verboten, sie zu betreten. Gleiches galt im Übrigen auch für den Beihai-Park im Norden der Stadt, der erst in den 20er Jahren für die Allgemeinheit geöffnet wurde. Heute kann man all diese Orte besichtigen - besonders in der Hochsaison ist die Stadt von Touristen überlaufen! Aus mir unbekannten Gründen hatte man es versäumt, die Mauern des Kaiserpalastes von außen zu beleuchten, sodass wir an jenem Abend lediglich einen kleinen Eindruck von der Pracht des Baus erhielten. Stattdessen zwangen uns unsere knurrenden Mägen zur Nahrungssuche, was sich gerade in der fast menschenleeren Gegend zwischen Verbotener Stadt und Beihai-Park als besondere Herausforderung entpuppen sollte. Meine Frage, ob es hier überhaupt ein Restaurant gebe, beantwortete ein Straßenarbeiter etwas überrascht mit einem Fingerzeig auf eine düstere Straße, was uns dazu veranlasste, lieber weiter südwärts entlang des Palastgrabens auf die Suche zu gehen. Tatsächlich wurden wir dort fündig: In einem unscheinbaren Lokal ließen wir uns nieder, aßen "crispy rice" (eine wie Popcorn zusammenklebende Substanz, über die die Frau des Kochs eine Soße mit geschnetzeltem Fleisch goss) und verließen diesen Ort zumindest etwas zufriedener, als wir ihn betreten hatten.

Für den nächsten Tag hatten wir uns ein wohl typisches Touristen-Programm überlegt: Erster Anlaufpunkt sollte der Tian'anmen, der Platz des Himmlischen Friedens, sein. Hier hatte Mao 1949 die Volksrepublik ausgerufen und bis heute hängt hier sein Porträt. "Tian'anmen" bezeichnet wörtlich genommen nur das erste Tor, welches man auf dem Weg zur Verbotenen Stadt zu durchqueren hat. Den Eingang zum Kaiserpalast bildet hingegen das Meridian-Tor, ein dreiteiliger Komplex mit 13 Meter hohen Mauern und 5 Durchlässen, von denen der mittlere für den Kaiser bestimmt war.

Vor dem Betreten des "Palast-Museums" sprach uns eine Chinesin an, die uns eine zweistündige Tour durch die Stadt anbot. Sie sprach ein etwas unverständliches Englisch, was für die Tour allerdings kaum von Belang war: So erfuhren wir viele interessante Dinge über das Leben am damaligen Kaiserhof und die wichtigsten Zeremonien in den einzelnen Hallen, wie etwa der größten und wichtigsten Halle "Taihemen", der Halle der höchsten Harmonie, in der die Kaiser der Ming Dynastie jeden Morgen mit ihren Beamten zur Beratung zusammen kamen, während die Qing-Kaiser diesen Ort vor allem für Empfänge nutzten. Das Schlafgemach des Kaisers befand sich dagegen in einer etwas unscheinbaren Ecke des Westlichen Palastes. Dort waren auch seine Konkubinen untergebracht. Sämtliche Hallen auf der zentralen Nord-Süd-Achse des Palastes waren im Übrigen offiziellen Veranstaltungen und Ritualen vorbehalten. Lediglich für besondere Anlässe wie die dreitägige Hochzeitsnacht bezog der Kaiser eine prunkvolle Halle im Inneren Hof der Stadt. Das nördliche Ende des Komplexes bilden die kaiserlichen Gärten, in denen die Mitglieder des Hofs Entspannung suchten. In ihm lädt auch heute noch ein Labyrinth aus alten Bäumen, Pavillons und Teichen die Besucher zum Ausruhen ein. Der Palast wurde übrigens 1406 von dem Ming-Kaiser Yongle in Auftrag gegeben und bereits 1420 vollendet! Er bildet das Zentrum Beijings und ist mit seinen goldfarbenen Dächern bis heute der historisch bedeutendste Bau der Metropole.

Nach Verlassen der Stadt zog unsere Gruppe noch über den Tiananmen, den man seit den Vorfällen von 1989 nur noch über wenige, mit Sicherheitsschleusen versehene Durchgänge betreten kann. Auf dem Platz finden täglich Fahnenappelle statt, jeweils einer zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Im Zentrum steht das Monument der Volkshelden, eine monumentale Säule, auf denen u.a. Kalligrafien von Mao zu sehen sind. Der Vorsitzende selbst soll in dem hinter dem Monument befindlichen Mausuleum aufgebahrt sein. Es wird allerdings behauptet, hier liege nur eine Wachsfigur Maos - leider konnten wir uns an diesem Tag kein eigenes Urteil bilden, da der Bau für Besucher geschlossen war. Unser Weg führte uns also weiter zum südlichen Stadttor, dem Qianmen. Von dort aus folgt eine mehrere Kilometer lange, schnurgerade Einkaufsmeile der strikten Nord-Süd-Achse, auf der sich nicht nur der Kaiserpalast und der Platz des Himmlischen Friedens befinden, sondern auch die nördlichen und südlichen Glocken- und Trommeltürme der ehemaligen Stadtmauer sowie der Olympiapark weiter im Norden. Unsere Mädels nutzten die Chance und kauften sich typisch chinesische Kleider (weiß mit bunten Blumenmustern), und auch wir fanden in den vielen Läden das ein oder andere Mitbringsel.

Am folgenden Tag besuchten wir den bereits oben angesprochenen Beihai-Park, eine riesige Anlage mit einem See, in dessen Mitte ein künstlicher Hügel mit einer weißen Pagode in den Himmel ragt, welche man im 17. Jh. zu Ehren des Dalai-Lama errichten ließ. Von dort oben hat man einen herrlichen Rundblick über die Stadt. Außerdem kann man auch hier noch einige kleinere Tempel besichtigen oder sich ein Boot mieten und über den See schippern. Wir nahmen eine Fähre zu den Fünf-Drachen-Pavillons am anderen Ufer, von denen aus der Kaiser geangelt haben soll. Es folgte ein Spaziergang entlang des Sees, wo neben vielen Tempeln auch die sog. Neun-Drachen-Mauer steht, eine mit glasierten Kacheln bedeckte, frei stehende Mauer, die zum Schutz vor bösen Geistern errichtet worden war. Im Anschluss ans Mittagessen machten wir noch eine Rikscha-Fahrt durch die Einkaufsstraßen und Hutongs. Womit wir nicht gerechnet hatten war der ausgeprägte Geschäftssinn unserer Fahrer, die uns gleich mehrmals und natürlich gegen einen kleinen Aufpreis in eine dieser traditionellen Wohnhöfe drängen wollten, was ihnen letztlich auch gelang.

Dass der Kapitalismus in China weit verbreitet ist, bewies uns nicht zuletzt auch ein Straßenkünstler, der einen wilden Vogel derart trainiert hatte, dass dieser von Zuschauern geworfene 1-Yuan Münzen in dafür vorgesehen Sparschweine beförderte, kleinere Einheiten jedoch links liegen ließ. Nachdem also fünf unserer Münzen einen neuen gefiederten Besitzer gefunden hatten, bestiegen wir noch den nahe gelegenen Trommelturm, von dem aus zu Kaiserzeiten das Schließen der Stadttore ankündigt wurde. Wir genossen einfach nur den Blick über die Hutongs unter uns und kamen sogar rechtzeitig zu einer kurzen Trommel-Performance. Am Ende dieses Tages bestiegen wir schließlich noch die Spitze des Jingshan Parks mit seinen fünf Pavillons, von denen man den wohl besten Blick über die Verbotene Stadt und das übrige grüne Zentrum Beijings hat.

Zur Halbzeit unserer Woche in Chinas Hauptstadt entschieden wir uns zur Besichtigung des Olympiaparks im Norden. Die Anlage ist gut mit der U-Bahn zu erreichen (Tickets kosten unabhängig von der Strecke übrigens nur 0,20 Cent), allerdings war von dem strahlend blauen Himmel, wie er bei den Spielen 2008 nach mehrmonatigem Abschalten aller industrieller Anlagen zu sehen war, keine Spur mehr. Der morgendliche Smog lag wie eine Decke über dem "Vogelnest", dem nationalen Olympiastadion, und der als Water Cube titulierten Schwimmarena. Wir nutzten trotzdem die Zeit, beide Bauten zu besichtigen, Sprungbilder zu machen und uns einfach mal entspannt zurückzulehnen. Obendrein war ich ehrlich beeindruckt von der Gestaltung und Architektur der Anlage, die nebenbei gesagt in ganz Beijing zu begeistern weiß! Sightseeing macht hungrig, deshalb begaben wir uns am Nachmittag auch auf die Suche nach dem Beijing Hard-Rock Cafe! Jeder weiß, dass das nicht die erste Adresse ist, wenn man preisgünstig einen Burger essen will. Trotzdem konnten wir uns dem "Mythos" nicht entziehen und nahmen sogar in Kauf, von Google Maps in das Botschaftsviertel geführt zu werden, wo wir über eine Stunde herumirrten und schließlich einen VW-Händler um Hilfe bitten mussten. Am Ende war die Gitarre gefunden und wir um 20 Euro je für das Essen und das obligatorische Erinnerungs-T-Shirt ärmer. Aber im Urlaub kann man so etwas ja ruhig mal machen, richtig?

Einer meiner persönlichen Lieblingstage in den gesamten fünf Wochen war der Tag, an dem wir eine Tour zur chinesischen Mauer unternahmen. Wir hatten den Trip schon von unserem Reisebüro buchen lassen und wussten dementsprechend, was auf uns zukommen sollte: Mit dem Bus ging es ins 3 Stunden von Beijing entfernte Jinshanling, wo wir mit einer Seilbahn zur Mauer hinauffahren und von dort aus etwa 10 km nach Simatai laufen sollten. Leichter gesagt als getan, denn anders als der auch für ältere Touristen durchaus geeignete Mauerabschnitt bei Badaling führte uns unser Weg über eine steil steigende und auch wieder abfallende Passage, hinweg über einen hohen Bergkamm. Dazu prasselte die Sonne auf uns nieder und hartnäckige chinesische Verkäuferinnen versuchten, uns überteuerte Getränke und T-Shirts zu verkaufen. Aber der wunderschöne Ausblick entschädigte in der Tat für alles! Nie hätte ich mir träumen lassen, einmal über die Chinesische Mauer zu laufen. Nach drei Stunden hatten wir unser Ziel bereits erreicht, ließen es uns aber nicht nehmen, uns auch noch, an einem dünnen Drahtseil hängend, über einen Stausee gleiten zu lassen, bevor es zum wohl verdienten Mittagessen überging. Keine Frage, hierher komme ich auf jeden Fall zurück!



Die letzten drei Tage unseres Urlaubs widmeten wir der Erkundung der letzten wichtigen Sehenswürdigkeiten Beijings: Bei eher schlechtem Wetter besuchten wir am Freitag ohne unsere Mädels den Himmelstempel, eine riesige Parkanlage im Süd-Osten der Stadt. Das wichtigste Gebäude der Anlage ist die Halle des Erntegebets, ein runder Kuppelbau mit blauen Ziegeln, in dem der Kaiser um eine gute Ernte bat. Auch sie wurde im 15. Jh. von Kaiser Yongle errichtet, musste im 19. Jh. nach einem Brand allerdings neu aufgebaut werden. Am Abend besuchten wir schließlich eine Kong-Fu Show im Roten Theater. Die Show war eindeutig an westliche Touristen gerichtet: Nicht nur, dass die Darsteller alle Englisch sprachen (und die Untertitel auf Chinesisch eingeblendet wurden, anstatt anders herum), auch die Story war ein wenig kitschig. Trotzdem ist es natürlich beeindruckend, was die "Mönche" alles mit ihren Körpern anstellen können. Ich halte es für empfehlenswert.

Am darauf folgenden Tag stand zu guter Letzt auch noch der kaiserliche Sommerpalast auf dem Programm. Vero und Susi hatten sich diesen schon am Vortag angeschaut (wir besuchten stattdessen den Himmelstempel), sodass auch dieser Ausflug ein reiner "Männertag" sein sollte. Rouven hatte sich ebenfalls abgeseilt, und so zogen Dominik, Stephan und ich allein über das riesige Areal entlang des Kunming-Sees. Der Park gehört zu den beeindruckendsten Landschaftsgärten Chinas und ist einer der größten Besuchermagneten der Stadt. Errichtet wurde er von Kaiser Qianlong im 18. Jh., er fiel allerdings gleich zwei Mal der Zerstörungswut der anglo-französischen Besatzungsmächte zum Opfer. Wir besichtigten die Tempelanlage im Zentrum des Palastes und mieteten ein Tretboot - beides gewährt einem einen guten Überblick über den Park, in dem man sich ohne Probleme auch einen ganzen Tag aufhalten kann.

Am Sonntag, 37 Tage nach unserer Ankunft in Shanghai, war es schließlich Zeit zum Abschied nehmen. Unser Flug ging zwar erst gegen Mitternacht, allerdings hatte man uns geraten, die Stadt wegen der Übungen zum Nationalfeiertag bereits frühzeitig zu verlassen, da wir ansonsten vermutlich nicht mehr aus dem Hotel gekommen wären. Wir hinterließen unser Gepäck also am Flughafen und brachen anschließend noch einmal für einige Stunden ins Zentrum auf, wo wir über einen Perlenmarkt schlenderten (ein Fälscher-Paradies ohne Gleichen sage ich euch) und einen ungeplanten Spaziergang um den Himmelstempel einlegten.

Das sollte er sein, mein erster Besuch im Reich der Mitte. Die gewonnenen Eindrücke werde ich nie vergessen, mein letzter Besuch war es aber mit Sicherheit auch nicht. Denn spätestens nächstes Jahr komme ich zurück!