2008-07-16

Geschichtsträchtiges Pennsylvania (Philadelphia & Valley Forge)

Wenn man sich mit der Geschichte der USA beschäftigt, stößt man neben der Entdeckung der Neuen Welt durch Columbus mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ein elementares Ereignis: Die Erklärung der Unabhängigkeit von der englischen Krone. Dabei sollte dem Staat Pennsylvania eine entscheidende Rolle zukommen: Am 04. Juli 1776 wurde die unter anderem von Thomas Jefferson und dem Universalgenie Benjamin Franklin ausgearbeitete Unabhängigkeitserklärung im State House in Philadelphia durch den Kontinentalkongress angenommen. Elf Jahre später ratifizierte der Bundesstaat im Zuge der Philadelphia Convention die neue Verfassung, welche als Grundstein der Vereinigten Staaten von Amerika bis heute Bestand hat. Aus diesem Grund trägt Pennsylvania auch den Beinamen "Keystone State", Staat der Grundsteinlegung. Doch alles schön der Reihe nach...


Kimberton Hills befindet sich kaum mehr als 50 Kilometer von der mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern größten Stadt Pennsylvanias (nicht dessen Hauptstadt!) und sechstgrößten Stadt der USA entfernt. Trotzdem konnte ich mich im Verlaufe meines Aufenthaltes hier nie wirklich dazu durchringen, die Stadt zu erkunden - zu sehr zogen mich New York oder auch Washington an, als dass Philli, wie es von den meisten hier genannt wird, allzu große Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen können. Aber es wäre doch wirklich erbärmlich gewesen, wenn das Einzige, was ich nach einem Jahr in unmittelbarer Nähe zu dieser Stadt davon gesehen hätte, die Metro und die Haltestelle des Chinatown-Busses gewesen wäre, oder nicht? Klar, ein oder zwei Mal hatte ich schon das Vergnügen, durch die Straßen Downtowns zu laufen, doch wenigstens einen Nachmittag wollte ich mir schon Zeit nehmen, die ehemalige Hauptstadt der Vereinigten Staaten (1790-1800) zu besichtigen. Gelungen ist mir das schließlich im Juli 2008...

Wie für die meisten gemeinen Touristen sollte der "Independence National Historical Park" im Herzen Philadelphias auch mein erstes Anlaufziel sein: Dieser bis heute von kleinen Parks und der Architektur des 18. Jahrhunderts (gregorianische Backsteinhäuser mit römischen und griechischen Einflüssen) geprägte Teil der Stadt kann als Ausgangspunkt der Amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und auch der heutigen US-Verfassung angesehen werden. Besondere symbolische Bedeutung kommt der Independence Hall zu, in der 1776 die Unabhängigkeit beschlossen wurde. Am 8. Juli verlas man sie auf dem Independence Square erstmals in der Öffentlichkeit. Zu eben diesem Ereignis wurde auch die "Liberty Bell" geläutet, das zweite wichtige Symbol der amerikanischen Freiheit und Demokratie. Sie hing seit 1753 in der damals noch als "Pennsylvania State House" bezeichneten Independence Hall. Heute kann man den von einen riesigen Riss gezeichneten Klangkörper (dieser Entstand angeblich, als die Glocke letztmalig zur Geburtstagsfeier George Washingtons 1846 schlug) in dem allein für sie errichteten Liberty Bell Pavillon gegenüber der Independence Hall (Chestnut Street/6th Street) besichtigen.

Weitere Stätten von historischer Bedeutung sind die beiden ersten Banken der USA (First and Second Bank of America), die älteste Börse und auch das älteste Postamt des Landes sowie der Washington Square. Wer sich noch näher informieren will, kann das in den unzähligen Besucherzentren und Museen tun oder sich auf einer "Nation Storytelling Bench" Geschichten über die Gründung der USA erzählen lassen. Ich für meinen Teil überließ diesen Teil Philadelphias dann aber doch wieder seiner selbst und begab mich zu Fuß in Richtung Osten, wo der Delaware River die Grenze von Stadt und Staat markiert: An "Penn´s Landing" finden abends regelmäßig Musik- und Unterhaltungsprogramme statt, auch einige Segelschiffe liegen dort vor Anker. Doch länger als einige Minuten hielt es mich dort nicht - über die Market Street lief ich zurück in Richtung Stadtzentrum, genauer gesagt dem Rathaus "City Hall". Dieses ist mit seinem fast 170 Meter hohen Uhrenturm bis heute das höchste gemauerte Gebäude der Welt und lange überragte es sogar alle anderen Häuser in Philadelphia, bis 1984 mit dem ersten Wolkenkratzer die inoffizielle Vereinbarung gebrochen wurde, kein Haus in der Stadt solle höher als das Rathaus sein. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum das Downtown der Stadt vergleichsweise klein ist - nur wenige, meist mit pyramidenförmigen Spitzen versehene Wolkenkratzer zieren Phillis Skyline! Ich persönlich finde das zumindest optisch wesentlich gelungener als beispielsweise New York, wo immer mehr Häuser immer höher in den Himmel schießen. Aber das ist Ansichtssache.

Von Downtown führte mich mein Weg nach Süden zur South Street, der unter den vielen Studenten der Stadt wohl beliebtesten Straße Philadelphias. Mit unzähligen Läden, kunstvoll gestalteten Fassaden und vielen Bars aber leider auch einigen sehr heruntergekommenen Ecken ist diese Straße ein Abbild der multikulturellen Gesellschaft Phillis. Am westlichen Ende der Stadt befindet sich die zur Gruppe der Elite-Universitäten (vergleichbar mit Harvard, Yale und Princton) zählende University of Pennsylvania, weiter südlich reihen sich Baseball-, Football- und Basketball-Stadien aneinander. Doch mein Interesse lag weiter im Norden, sodass ich zurück zum Auto marschierte und mich nach kurzer Zeit auf dem "Benjamin Franklin Parkway" wiederfand. Diese Prunkstraße ist gesäumt von Museen, Parks und sakralen Bauten und bietet den wohl besten Panorama-Blick auf die Stadt (siehe erstes Bild oben). Eigentlich stand auf meiner Besichtigungsliste das Philadelphia Museum of Art, eine der bedeutendsten amerikanischen Kunstsammlungen (beherbergt Gemälde von so bekannten Namen wie van Gogh, Cézanne und Manet sowie Skulpturen u.a. von Rodin) ganz oben, doch bei meiner Ankunft dort musste ich leider feststellen, dass das Museum gerade seine Pforten schloss. Nun ja, nach einem fast vier-stündigen Marathon durch die Stadt dankten es mir zumindest meine Füße...


Valley Forge

...so heißt der nur wenige Minuten von Kimberton bzw. Phoenixville entfernte "National Historical Park", in der General George Washington (später erster Präsident der Vereinigten Staaten) während des Unabhängigkeitskrieges gegen England 1777 sein Winterlager aufschlug! Das klingt zu allererst nach nichts Besonderem. Doch zum damaligen Zeitpunkt sollte sich die Wahl eben dieses Tals als eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen des Krieges herausstellen: Gut geschützt durch die umliegenden Berge und den Schuylkill River war Valley Forge mit knapp 22 Meilen nah genug an dem von den Briten vereinnahmten Philadelphia, gleichzeitig aber auch in sicherer Entfernung vor Überraschungsangriffen. Die Armee Washingtons war zu diesem Zeitpunkt stark geschwächt, schlecht ausgerüstet und obendrein fehlte eine uniforme Ausbildung der Soldaten - dies machte koordinierte Manöver nahezu unmöglich. Um diesen Missstand zu beheben, beauftragte General Washington auf Empfehlung von Benjamin Franklin den ehemaligen preußischen General Baron Friedrich von Steuben, der die Moral wieder herstellen und durch unermüdliches Training eine geordnete Armee hervorbringen sollte. Auch dafür war Valley Forge wie gemacht: Hier gab es genügend Platz, Feldschlachten zu simulieren und die Soldaten einheitlich auf den weiteren Verlauf des Krieges gegen die Briten zu drillen.
Heute reihen sich zum Gedenken an diesen Teil des Unabhängigkeitskrieges, der zwar nie in Valley Forge ausgetragen geschweige denn entschieden wurde, unzählige Denkmäler aneinander. Zudem wurden die hölzernen Unterkünfte der Soldaten vielerorts rekonstruiert (siehe Bild links) und eine Washington Gedenkkapelle errichtet - ja so ist das in Amerika. Wenigstens zieht der Park heute Hundertschaften von Touristen in die Region und auch die Natur freuts: Das Areal ist vor ungestümer Bebauung geschützt und Fahrradwege animieren viele zum Biken, Laufen oder Skaten - und dies fast auf Sichtweite zur zweitgrößten Einkaufs-Mall der USA, King of Prussia.

Ich bin auf jeden Fall froh, mitten in diesen "Schauplatz der Geschichte" gelebt zu haben und dass ich mein Wissen über die amerikanische Historie wieder einmal etwas auffrischen konnte.