2008-02-10

Im Zentrum der Macht - Washington D.C.


Wenn man die Ostküste der Vereinigten Staaten besucht, kommt man um die Hauptstadt des "mächtigsten Landes der Welt", Washington D.C., nicht herum. Zwar ist sie die wohl kleinste Stadt unten den von mir in diesem Jahr besuchten Metropolen - mit unter 600.000 Einwohnern nicht nur bevölkerungsmäßig, sondern auch in Anbetracht der Tatsache, dass man sie zu Fuß in weniger als einer Stunde durchqueren kann und dabei alle wichtigen Sehenswürdigkeiten quasi auf dem Weg liegen. Doch der Teufel steckt, wie so oft, im Detail: Der "District Columbia" beherbergt nicht nur den Regierungssitz der USA, das Kapitol, und das Weiße Haus, sondern auch eine riesige Anzahl an Museen, Monumenten und Parks. Doch ich möchte nicht schon alles vorweg nehmen. Im Folgenden also mein Bericht über einen äußerst gelungenen Wochenendausflug nach Washington D.C... 

Los ging es am Freitag, dem 8. Februar 2008, mit der üblichen einstündigen Zugfahrt vom beschaulichen Städtchen Paoli nach Philadelphia. Mit von der Partie waren dieses Mal nur männliche und nur deutsche Co-Worker - neben meiner Wenigkeit zog es auch Jannick, Flo und Robert in die Stadt, deren markante Wahrzeichen man sonst nur in der Tagesschau sieht...Gegen 4:30 Uhr nachmittags (eine halbe Stunde früher als es der Fahrplan eigentlich vorsah) kehrten wir mit dem Chinatown-Bus der wunderschönen Skyline Phillys den Rücken - vor uns lag eine dreistündige Fahrt, unterbrochen von zahlreichen Staus und geprägt von ungewöhnlichen Problemen mit der Klimaanlage - erst hatten wir um die 40 Grad Celsius und 20 Minuten nachdem sich ein Fahrgast lautstark beschwert hatte ging es runter auf Kühlschrank-Temperaturen...

Etwas erschöpft und doch voller Vorfreude verließen wir den Bus in Chinatown/Washington - und getrieben von der falschen Annahme (oder einfach einem schlechten Orientierungssinn), das Kapitol auf der linken Seite erspäht zu haben, liefen wir etwa vier Blöcke in die falsche Richtung. Als Ziel des Abends stand eigentlich nur unser Hotel auf dem Plan. Doch da die "Mall", also der Park im Zentrum Washingtons, in dem bzw. an dessen Enden sich das Washington Monument, das Kapitol, das Weiße Haus sowie das Lincoln Memorial befinden, nicht weit entfernt war, entschieden wir uns für einen kleinen Abstecher dorthin: Anfangs waren wir noch sehr beeindruckt von den vielen von riesigen Säulen geprägten Gebäuden. Doch seien wir mal ehrlich - wenn man das Regierungsviertel erreicht und wirklich jedes Haus eine so pompöse Fassade aufzuweisen hat, ist das z.B. in New York viel länger anhaltende "Wow!"-Gefühl schnell Geschichte. Zumindest das bei Nacht hell erstrahlende White House sowie der im Zentrum der "Mall" stehende Obelisk (Washington Monument) waren dann doch ziemlich überwältigend! Überraschender Weise waren um all diese wichtigen Bauten kaum Sicherheitskräfte stationiert - lediglich ein Mal wurden wir von einem Polizisten angesprochen (als wir gerade am Zaun des Weißen Hauses standen und Bilder machten), der eine Löschung aller Fotos verlangte, auf denen er zu sehen sei (er meinte, ein auf ihn gerichtetes Blitzlicht erkannt zu haben). Wir konnten ihm aber guten Gewissens versichern, dass wir nicht einmal annähernd in seine Richtung fotografiert hatten, was er mit einem Smile zur Kenntnis nahm und uns laufen ließ...

Was folgte war der Marsch zu unserem Hotel, dem "State Plaza", welches sich nur wenige Blocks vom Weißen Haus entfernt befindet. Zum Preis eines Jugendherbergsbetts kamen wir dort in einer Suite mit zwei Doppelbetten, Fernseher und Internet, einer Küche und einem Badezimmer unter - zuzüglich Blick auf das Washington Monument! Kurz nach dem Einchecken wurden wir übrigens von einem anderen Gast gefragt, ob wir denn eine Rockband seien, was wir natürlich grinsend bejahten...Nach kurzem Check der Fernsehkanäle ging es wieder raus auf die Straße - wieder vorbei am Weißen Haus (dieses Mal von der weniger bekannten Rückseite) durch die Straßen der Hauptstadt, immer auf der Suche nach einem Café oder Restaurant, welches nicht bereits um fünf Uhr geschlossen hatte oder auch nur nach einem klitzekleinen Ansatz von Nachtleben. Fündig wurden wir auf einer Straße ganz in der Nähe von Chinatown, wo sich Bar an Bar reihte und sich Menschenmassen türmten. Doch gleich nach Verlassen dieser EINEN Straße wieder das gleiche Bild - gähnende Leere! Etwas überrascht ließen wir uns in einem chinesischen Lokal nieder. Zum Abschluss des Abends gönnten wir uns eine kleine Pause vom vielen Laufen - zu Füßen des von amerikanischen Flaggen umringten Washington Monuments.

Der nächste Morgen begann frisch erholt und bei herrlichem Sonnenschein auf der "E Street" (von West nach Ost laufende Straßen sind mit Buchstaben, nord-südlich laufende mit Zahlen gekennzeichnet, hin und wieder findet man aber auch Avenues mit "richtigen" Namen). Ein Lokal zum Frühstücken war schnell erspäht - für fast geschenkte 10$ gab es ein Buffet mit Muffins, Würstchen, French Toast, Eiern, Bratkartoffeln sowie Brot mit verschiedenen Aufstrichen, dazu natürlich kostenlos Kaffee und Saft nach Wunsch! Was für ein Fest...Erstes Ausflugsziel an diesem Samstag war das Kapitol, in welchem wir an einer geführten Tour teilnahmen (wie auch die meisten Museen ist diese übrigens kostenlos). Doch bevor es soweit war, wurde geknippst was das Zeug hält - Außenaufnahmen des Gebäudes und des drum herum liegenden Areals. Unser Tourguide war ein sehr witziger und guter Redner, der uns bei unserem Weg durch die Kuppelhalle und die einzelnen Säle (darunter leider nicht die beiden Kammern des Senats und des Repräsentantenhauses) mit vielen interessanten historischen Geschichten unterhielt. Wie die Kuppel von Innen aussieht, kann nicht nur auf den Bildern in der Galerie sondern auch auf dem folgenden Video angesehen werden:
Zweiter Tagesausflugspunkt war das National Air and Space Museum: Von den Gebrüder Wright über die Techniken der beiden Weltkriege bis hin zu modernen Raketen- und Raumfahrtprogrammen bot dieses Museum alles, was den Luftfahrtinteressierten begeistern kann - dass wir Jungs uns dort fast drei Stunden aufhielten, verwundert an dieser Stelle dann wohl niemanden...Leider hat die Zeit für weitere Museen nicht ausgereicht, doch wen es interessiert: Washington bietet eine ganze Reihe von konventionellen aber auch sehr ungewöhnlichen Museen - von amerikanischer Geschichte und moderner Kunst über Wissenschaft und Technik bis hin zu Spionage. Ebenfalls in Washington befinden sich die "National Archives" - zu bestaunen gibt es u.a. die Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776.

Um zurück zu unserem Wochenendausflug zu kommen: Trotz Erschöpfung hatte unsere kleine Gruppe noch ein Ziel an diesem zweiten Tag - Georgetown! Für Nichtamerikaner mag das eher uninteressant klingen, doch tatsächlich ist Georgetown nicht nur der Name der Eliteuniversität am Rande Washingtons sondern auch der des anliegenden Stadtviertels. Und da werden nicht wie im Rest der Stadt bereits um fünf die Rollläden herunter gelassen und die Bürgersteige hochgeklappt! Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und so stürzten wir uns ins Getümmel. Unsere knurrenden Mägen ließen uns jedoch schon bald wieder nach dem nächsten Lokal Ausschau halten - die kleine italienische Bar "Paolo´s" bot da genau das Richtige: Aus bekannten Gründen (kein Alkohol unter 21) gab es zwar weder Wein noch Cocktails, allerdings war die Pizza richtig gut - und für Georgetown auch noch relativ preisgünstig!

Auch am letzten Morgen unseres Aufenthalt zog es uns noch einmal in die Straßen dieses Viertels (schlicht deshalb weil es nirgends anders ein offenes Café gab), wo wir zu ziemlich königlichen Preisen in einem prall gefüllten französischen Café unser Sonntags-Brunch zu uns nahmen. Was folgte war ein Spaziergang in Richtung Südwesten - den Arlington Nationalfriedhof (dort liegt auch JFK) erreichten wir aus Zeitgründen allerdings nicht mehr. Dafür bot sich uns ein schöner Blick über die Mall von den Stufen des Lincoln-Memorial (eine riesige, dem Zeus-Tempel in Olympia nachempfundene Säulenhalle, die Abraham Lincoln nahezu als göttlich verehrt - tatsächlich wird in einer der Inschriften von einem Tempel gesprochen): Gleich davor befinden sich der Reflecting Pool (dort spiegelt sich das Washington Monument an windstillen Tagen wider), gefolgt vom Mahnmal des zweiten Weltkrieges, das Washington Monument sowie weit entfernt das Kapitol. Auf Höhe des Reflecting Pool liegen die Erinnerungsstätten an den Vietnam- und den Koreakrieg (ersteres ist eine lange schwarze Wand mit allen in diesem Krieg gefallenen US-Soldaten, zweiteres besteht aus mehr als einem Dutzend marschierenden Steinsoldaten).

Etwas unter Zeitdruck mussten wir uns gegen Mittag wieder langsam in Richtung Chinatown aufmachen - schließlich wollten wir um drei Uhr an der Haltestelle sein und bis dahin noch das National Aquarium angesehen haben. Doch dieser letzte "Höhepunkt" hat zumindest mich etwas enttäuscht: Für 5$ Eintritt gab es in nur zwei Ausstellungsräumen relativ wenig zu sehen - eigentlich alles schön und gut, doch für ein derartig hoch angepriesenes nationales Aquarium war es dann doch etwas mager. Aber wir ließen uns nicht die Stimmung vermiesen und zogen wieder nach Chinatown, wo zu unserer Überraschung gerade ein chinesischer Neujahrsumzug lautstark durch die Gassen zog, was uns quasi einen perfekten Abschied aus der Stadt der Macht, des Monumentalismus und des Monetarismus (zufällig haben auch der internationale Währungsfond und die Weltbank ihren Sitz hier) bescherte und die zu diesem Zeitpunkt bereits aufkommende Eiseskälte ein wenig vergessen ließ.  

Fazit: Für all diejenigen, die sich entweder für (moderne, amerikanische) Geschichte, Kunst oder auch Architektur interessieren, ist Washington wohl das Non-Puls-Ultra an der amerikanischen Ostküste (klammert man mal die vielen Kunstmuseen in NY City aus). Auch Touristen auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten kommen, zumindest entlang der "Mall", auf ihre Kosten. Sucht man allerdings Unterhaltung und möglicherweise ein ausgedehntes Nachtleben, ist die Hauptstadt der Vereinigten Staaten wohl eher zweite Wahl, denn auch wenn es mit Georgetown ein lebendiges (und ziemlich teures) Studentenviertel gibt - New York und selbst Philadelphia sind in dieser Hinsicht doch die weitaus besseren Alternativen! Doch wir vier hatten an diesen zweieinhalb Tagen trotzdem unseren Spaß und werden die gewaltigen Eindrücke mit Sicherheit nicht so schnell vergessen.